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Offener Brief an die Evangelische Akademie der Nordkirche zur geplanten Tagung „Unvollendete Dekolonisierung – Dimensionen deutscher Verantwortung“ am 25. März 2019 in Hamburg

Berlin, 6. März 201

Sehr geehrter Herr Heilig,

haben Sie Dank für Ihre Antwort auf unser Schreiben bzgl.der von Ihnen für den 25. März 2019 in Hamburg geplanten Tagung „Unvollendete Dekolonisierung – Dimensionen deutscher Verantwortung“ (online unter: https://www.akademie-nordkirche.de/assets/Akademie/2019/Flyer25032019WebEndII.pdf)

Wir hatten kritisch bei Ihnen nachgefragt, warum bei diesem in der Tat wichtigen Thema und der stattlichen Anzahl von neun geladenen Referent*innen und Diskutant*innen ausschließlich weiße Deutsche zu Wort kommen werden.

Ihre Antwort war, dass Ihnen unsere Kritik „auf einem tiefen Missverständnis“ zu beruhen scheint, da keineswegs daran gedacht wäre, „bei dieser Tagung eine bestimmte Gruppe von Menschen von der Teilnahme auszuschließen“, dass für Sie jedoch „bei der Auswahl der Referentin/Referenten sowie der Gesprächspartner/innen zunächst die fachliche Expertise bzw. die öffentliche Funktion entscheidend“ gewesen wären, „weil erst auf der Basis dieser Erfahrungen eine direkte, auch kritische Auseinandersetzung möglich“ sei. In diesem Sinne klären Sie uns zudem darüber auf, dass Bestrebungen, „gesellschaftspolitische Fragen zu ‚ethnisieren’“ sich als „in der Regel kontraproduktiv“ erwiesen hätten. Ungeachtet dessen betonen Sie: „Da, wo es möglich erschien, z.B. auch kompetente Wissenschaftler/innen aus einem migrantischen Kontext anzusprechen, haben wir dies versucht.“

Wir müssen gestehen, dass uns Ihre Erklärung alles andere als zufriedenstellt. Vielmehr sind wir nun ganz sicher, dass nicht etwa wir Sie, sondern Sie uns „mißverstanden“ haben.

Uns geht es um die auf Ihrer Konferenz komplett fehlenden Perspektiven von Nachkommen Versklavter und Kolonisierter, die sich bis heute gegen strukturellen Rassismus und andere gravierende Folgen des Kolonialismus zur Wehr setzen müssen und unserer Meinung nach „erst auf der Basis dieser Erfahrungen eine direkte, auch kritische Auseinandersetzung möglich“ machen. Es handelt sich dabei nicht, wie Sie offenbar glauben, um eine Minderheit, die sich ‚ethnisch’ definieren ließe. Es geht dabei auch nicht um „kompetente Wissenschaftler/innen“ aus einem nicht näher definierten „migrantischen Kontext“. Es handelt sich vielmehr um 2/3 der Weltbevölkerung, ohne deren Engagement für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus es die von Ihnen aufgegriffene Debatte gar nicht gäbe. Es handelt sich dabei um die Mehrheit, denen eine „bestimmte Gruppe von Menschen“ seitüber 500 Jahren systematisch weißmachen will, das ihnen die „fachliche Expertise bzw. die öffentliche Funktion“ fehlt, um sich kompetent über ihre eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft äußern zu können.

Vielleicht hilft Ihnen beim Nachvollziehen unserer Argumentation eine Analogie. Stellen Sie sich bitte vor, Sie würden eine Tagung zur unvollendeten Befreiung der Frauen aus patriarchalischen Strukturen und zur deutschen Verantwortung in dieser Sache organisieren. Während Sie mehre männliche Referenten gewinnen können, welche Ihrer Meinung nach die entscheidende „fachliche Expertise bzw. die öffentliche Funktion“ für dieses Thema mitbringen, sagt jede der von Ihnen für kompetent erachteten vier Frauen, die Sie nacheinander anfragen, „aus terminlichen Gründen„ ab. Wir wollen nicht glauben, dass Sie diese Debatte, die es nur gibt, weil Frauen seit Generation für ihre Rechte kämpfen, nun ausschließlich mit männlichen Experten durchführen würden. Wir möchten annehmen, dass Sie Ihre Konferenz verschieben würden, bis Sie für die Diskussion mindestens ebenso viele weibliche wie männliche Expert*innen gewinnen konnten.

Wir möchten Ihnen nahelegen, im Fall der für den 25.3. vorgesehenen Tagung „Unvollendete Dekolonisierung – Dimensionen deutscher Verantwortung“ ebenso verantwortungsbewußt zu handeln.

Mit freundlichen Grüßen

Mnyaka Sururu Mboro, Tahir Della und Christian Kopp

Bündnis DECOLONIZE Berlin

PS: Unsere Ovaherero- und Nama-Mitstreiter*innen haben das Ganze auf die bündige Formel „Everything about us without us is against us“ gebracht. Ihr Tagungsgast Herr Ruprecht Polenz, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die namibisch-deutschen Verhandlungen über den von Deutschland noch immer nicht offiziell anerkannten Genozid, wird Ihnen das bestätigen können.