Gegen rassistische epistemische Gewalt an der Universität!

Gegen rassistische epistemische Gewalt an der Universität!

Statement zum Kolloquium “Von epistemischer Gewalt zu epistemischem Ungehorsam? Dekoloniale und feministische Herausforderungen” am 16.05.2014, organisiert vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin

Dieses Statement hat den Zweck, die rassistischen Vorfälle, zu denen es auf einer öffentlichen Veranstaltung der Humboldt-Universität im Mai 2014 kam, in einem größeren Kreis öffentlich bekannt zu machen und zu einem Umdenken an deutschen Hochschulen in Bezug auf rassistische Alltagsgewalt aufzurufen. Es ist uns wichtig, zu betonen, dass es sich bei den geschilderten Vorfällen keineswegs um Einzelfälle handelt, sondern lediglich um einen exemplarischen Ausdruck der epistemischen Gewalt, der Schwarze, PoCs und Rroma sowohl auf struktureller als auch auf individueller Ebene tagtäglich im akademischen Betrieb ausgesetzt sind. In diesem Fall sind die verantwortlichen Professor_innen im Wesentlichen in den Gender Studies, den American Studies und den Sozialwissenschaften angesiedelt. Dies sind nun gerade diejenigen Disziplinen, in denen zumindest vereinzelt der Versuch unternommen wird, sich mit rassistischen Strukturen zu beschäftigen und diese abzubauen. Es ist deshalb wichtig, sich bei der Lektüre dieses Statements vor Augen zu halten, dass in weiten Teilen der deutschen Hochschullandschaft  jegliches Bewusstsein für die eigene Verstrickung in rassistische Herrschaftssysteme fehlt, so dass die hier geschilderte Gewalt noch weit extremere Formen annehmen kann und oft in noch höherem Maße normalisiert und akzeptiert wird.

Am 16.05.2014 sollte Encarnación Gutiérrez Rodríguez auf dem vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) organisierten, öffentlichen Kolloquium „Von epistemischer Gewalt zu epistemischem Ungehorsam? Dekoloniale und feministische Herausforderungen“ an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) einen Vortrag zum Thema „Wenn die Rhetorik nicht ausreicht – Fragen zur sozialen Ungleichheit an Hochschulen. Eine materialistische und dekoloniale feministische Perspektive“ halten. Aufgrund des vielversprechenden Titels waren für diesen Vortrag im Gegensatz zum restlichen Kolloquium viele Schwarze, PoCs, Rroma, und weiße, die sich im contra-rassistischen Spektrum verorten – sowohl Studierende als auch Nicht-Studierende – anwesend.

Unsere Überraschung sowie unser Bedauern waren groß, als wir feststellen mussten, dass Encarnación Gutiérrez Rodríguez nicht anwesend sein würde und stattdessen die weiße Amerikanistin Sabine Broeck ihren eigentlich für den Vormittag angekündigten Vortrag halten würde. Sabine Broeck ist die Leiterin der Research Group Black Knowledges in Bremen, die bereits seit ihrer Gründung stark in die Kritik geraten ist, weil an dieser Gruppe ausschließlich weiße Forscher_innen beteiligt sind. Diese weiße Re_produktion von Wissen über Schwarze Menschen sowie das weiße Profitieren von der Wissensproduktion Schwarzer Menschen sind offensichtliche Beispiele für genau die kolonial-rassistische epistemische Gewalt, der das Kolloquium unserem Verständnis nach entgegenwirken wollte. Vor diesem Hintergrund ist aus unserer Sicht bereits die Einladung von Sabine Broeck als Referentin und damit als Expertin zu epistemischer Gewalt und dekolonialem Widerstand in der Wissenschaft unverständlich.

Mindestens ebenso unverständlich ist, wie das ZtG dann ein Podium stattfinden lassen konnte, auf dem alle bekannten rassistischen Muster exakt wiederholt wurden. Schon wieder tauschte sich eine weiße Vortragende mit einer weißen Kommentatorin (Ina Kerner, Juniorprofessorin für Diversity Politics am Institut für Sozialwissenschaften der HU und Mitglied des ZtG) und einem weißen Moderator über die Rassismuserfahrungen Schwarzer Menschen, deren Widerstandsstrategien und wie diese zu „verbessern“ seien aus. Wider besseren Wissens und trotz jahrzehntelanger Wissensansammlung haben Sabine Broeck, Ina Kerner und das ZtG Gayatri Chakravorty Spivaks Frage, „Can the subaltern speak?“, wieder einmal grandios beantwortet: Sie könnte, aber ihre Stimme wird systematisch zum Schweigen gebracht.

Tatsächlich hat Sabine Broeck dann in ihrem Vortrag zur besonderen Problematik des anti-Schwarzen Rassismus insbesondere in universitären Kontexten zwar erwähnt, dass ihre eigene Positionierung als weiße, deutsche Professorin, die zu diesen Themen spricht, nicht ideal ist. Sie hat aus dieser Feststellung jedoch keinerlei Konsequenzen gezogen. Ganz im Gegenteil zeigte sich die mangelnde kritische Reflexion ihrer eigenen Macht-/Position dann umgehend in ihrer gewaltvollen und elitären Vortragsweise, durch die wiederum epistemische Gewalt gegen genau die nicht-akademischen Schwarzen, PoCs und Rroma ausgeübt wurde, deren Lebensrealitäten und Rassismus-Erfahrungen als Rohmaterial für weiße akademische Wissensproduktion ausgebeutet werden.

Intensiviert wurde diese Gewaltausübung durch Sabine Broeck, als sie begann, eine nicht enden wollende Flut von Zitaten vorzulesen, in denen aus der Sicht von Betroffenen die schlimmsten und grausamsten anti-Schwarzen Rassismuserfahrungen detailliert beschrieben wurden. Beispielsweise beschrieben Schwarze Menschen in diesen Zitaten, dass weiße Schwarze Menschen mit dem „n-word“ benannten (hier wurde das n-word von Sabine Broeck auf Englisch ausgesprochen), zu „Gegenständen“ machten und wie „lumps of flesh“ behandelten. Diese extrem gewaltvollen und (re)traumatisierenden Begriffe und Bilder in großer Zahl aus dem Mund einer weißen Professorin hören zu müssen ist in sich eine Zumutung für alle anwesenden Schwarzen, PoCs und Rroma, die mit diesen Begriffen und Erfahrungen in ihrem täglichen Leben zur Genüge konfrontiert sind. Dies gilt auch, wenn weiße  dabei Zitate von Schwarzen benutzen.

Sollte es Sabine Broeck darum gegangen sein, ihre Zuhörer_innen durch diese Anhäufung extrem graphischer Zitate zu schockieren und wachzurütteln, so lässt sich daraus nur schlussfolgern, dass sie ihre Zuhörer_innenschaft als ausschließlich weiß imaginiert haben muss. Selbst die Anwesenheit von Schwarzen und PoCs bei ihrem Vortrag hinderte sie jedoch nicht daran, sich dieser extrem gewaltvollen Sprache zu bedienen.

Ja, rassistische Gewalt gegen Schwarze kann und muss deutlich benannt werden, aber es macht einen großen Unterschied, wer dies in welchem Kontext auf welche Art und Weise und zu welchem Zweck tut. Sollte es nicht vermeidbar sein, sich rassistischer Sprach-Re_Produktion zu bedienen, so bedarf es zumindest einer vorherigen Warnung für diejenigen, die von dieser Gewaltausübung unmittelbar betroffen sind. Die sachlich nicht notwendige, gehäufte, lustvolle Re_Produktion verbaler rassistischer Gewalt durch weiße Menschen ist und bleibt eine Ausübung genau jener epistemischen Gewalt, die Gegenstand des Kolloquiums hätte sein sollen.

Ein trauriger Höhepunkt war erreicht, als Sabine Broeck in ihren eigenen Worten (d.h. nicht als Teil eines Zitats) Schwarze mit dem N-Wort bezeichnete – ausgesprochen und ohne jegliche Qualifizierung. Stellt das Aussprechen von rassistischen Fremdbezeichnungen in Zitaten durch weiße bereits eine Form von epistemischer Gewalt dar, so ist mit der Verwendung des N-Worts im eigenen wissenschaftlichen Diskurs eine exorbitante Steigerung rassistischer Gewaltausübung erreicht.

Aus diesem Grund verließen einige Anwesende den Raum, um dieser Gewalt nicht länger ausgesetzt sein zu müssen und um ihren Widerstand gegen Sabine Broecks rassistischen Vortrag deutlich zu machen. Sabine Broeck ignorierte diesen offensichtlichen Protest und versuchte, ihren Vortrag einfach fortzusetzen. Erst durch die entschiedene Intervention einer Rromni konnte Sabine Broeck in ihrem Vorhaben gestoppt und zur Rede gestellt werden. Sie versuchte zunächst, den Gebrauch des N-Worts als „offensichtlich [sic] überspitzt und ironisch“ zu legitimieren und wollte dann das N-Wort „zurücknehmen“, um mit dem Vortrag fortzufahren. Während auch der weiße Moderator Sabine Broeck bei diesem Vorhaben unterstützte, musste erst die intervenierende Rromni klarstellen, dass nicht die gewaltausübende Person (in diesem Fall Sabine Broeck) entscheiden kann, wie mit ihrer Gewaltausübung umzugehen ist. Vielmehr ist es an den von dieser rassistischen Gewalt betroffenen Personen zu entscheiden, wie und ob fortgefahren werden kann. Der Forderung nach einer 10-minütigen Pause stimmt das Podium nur widerwillig zu.

Da die Betroffenen, die den Raum verlassen hatten, und deren Allies befürchten mussten, dass Sabine Broeck sich auch weiterhin typischer weiße Derailing-Strategien (weiße Verteidigungs-, Ablenkungs- und Abwehrstrategien) bedienen würde, wodurch erneut rassistische Gewalt ausgeübt würde, bestanden sie darauf, dass Sabine Broeck ihren Vortrag nach der Pause nicht mehr fortsetzen sollte. Stattdessen sollte Ina Kerner direkt mit ihrem Kommentar fortfahren. Als dieser Beschluss nach der Pause verkündet wurde, bediente eine weiße Person aus dem Publikum*  sich gleich der nächsten weißen Abwehrstrategie und bezeichnete diesen Beschluss nun seinerseits als gewaltvoll gegenüber Sabine Broeck und als Anlegen eines „Maulkorbs“ [sic]. Dies war ein trauriger Versuch, die gegebenen Machtverhältnisse zu verschleiern und umzudrehen. Erneut musste von Betroffenen klargestellt werden, dass Unterdrückung sich nicht willkürlich umdrehen lässt und nur von oben nach unten und nicht von unten nach oben funktioniert, bevor ihrem Beschluss stattgegeben wurde und Ina Kerner ihren Kommentar begann.

In ihrem Kommentar zu Sabine Broecks Vortrag bezeichnete Ina Kerner die Zentrierung Schwarzer Perspektiven und Anliegen in anti-rassistischen Kämpfen an der Universität (wie sie Sabine Broeck gefordert hatte) als „Unterdrückungs-Olympiade,“ durch die andere anti-rassistische Kämpfe z.B. gegen Anti-Semitismus, Anti-Rromaismus und anti-muslimischen Rassismus angeblich verdeckt würden. Damit diskreditierte Ina Kerner aus ihrer weißen Perspektive bestehende Allianzen und Solidarität zwischen People of Color, die sich bewusst und aus strategischen Gründen gemeinsam entscheiden, an bestimmten Stellen speziell Anliegen von Schwarzen zu priorisieren. Die extreme Ironie, dass eine weiße Professorin über das angebliche Leiden von Rroma unter der Zentrierung Schwarzer Menschen und Perspektiven in universitären Kontexten doziert, während sie und andere weiße sich aktiv gegen die Intervention einer anwesenden Rromni gegen die Verwendung des N-Wortes wehren, ist wohl nur wenigen Anwesenden aufgefallen. Es ist auch bezeichnend, dass weißen immer ausgerechnet dann die Wichtigkeit von Kämpfen gegen bestimmte Formen von Rassismus einfällt, wenn es darum geht, damit andere anti-rassistische Kämpfe zu diskreditieren. Auf dieses Ausspielen von Rroma und PoC Aktivist_innen gegen Schwarze Aktivist_innen, auf diese altbekannte Strategie des „Teile und Herrsche“ haben wir wirklich keine Lust. Die solidarischen Zusammenschlüsse von Schwarzen, Rroma, und PoCs bedürfen keiner Legitimation durch eine weiße Wissenschaftlerin.

Darüber hinaus nahm Ina Kerner in ihrem Kommentar mit keinem Wort Bezug auf die rassistische Gewalt, die Sabine Broeck in ihrem Vortrag ausgeübt hatte. Auch der Protest der Anwesenden blieb gänzlich unerwähnt. Stattdessen bedankte sie sich für den „sehr interessanten Vortrag [ihrer] geschätzten Kollegin“ und verlas ihren offensichtlich im Voraus vorbereiteten Kommentar.

Auch dieser weiße Schulterschluss zwischen der Vortragenden und der Kommentatorin stellt eine bekannte Strategie epistemischer Gewaltausübung dar, die darauf abzielt, anti-rassistischen Widerstand zum Schweigen zu bringen und durch Verschweigen und Ignorieren seiner Wirkung zu berauben. Letztlich soll so der rassistische Status quo mit allen Mitteln auch gegen expliziten Widerstand erhalten werden. Die bittere Ironie, dass dies alles ausgerechnet auf einem Kolloquium geschah, auf dem explizit die Möglichkeiten des „dekolonialen epistemischen Ungehorsams“ ausgelotet werden sollten, muss wohl kaum extra erwähnt werden.

Diese Strategie des Verschweigens und der weißen Solidarität setzt sich bis heute fort, da weder das ZtG noch die beteiligten Einzelpersonen jemals öffentlich Position zu diesen Vorfällen bezogen haben. Ganz offensichtlich wird darauf gesetzt, dass die rassistischen Vorfälle jenseits des Kolloquiums nicht bekannt werden, damit unter dem Deckmantel weißer Verschwiegenheit der kolonial-rassistische Normalzustand aufrecht erhalten werden kann. Wir fordern deshalb

1) eine öffentliche Verantwortungsübernahme des ZtG, wie es sein kann, dass es immer wieder zu solchen rassistischen Vorfällen innerhalb des ZtG kommt.
2) eine öffentliche Entschuldigung von Sabine Broeck, Ina Kerner und des ZtG.
3) keine weiteren Konferenzen oder Kolloquien zu Rassismus und Kolonialismus, bei denen mehrheitlich weiße zu Wort kommen.
4) eine Beschränkung der Verwendung rassistischer und kolonialistischer Sprache und Bilder auf das für wissenschaftliche Analyse und Kritik absolut notwendige Maß.
5) vor der Verwendung rassistischer und kolonialistischer Sprache und Bilder explizit darauf hinzuweisen, dass diese verwendet werden.

Dieses Statement wurde verfasst von schockierten Anwesenden.

Zusätzlich wird dieses Statement und die darin enthaltenen Foderungen unterstützt von:

ISD Bund e.V. (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland)
ISD Berlin e.V.
ISD Hamburg e.V.
IniRromnja
Rroma -Informations – Centrum e.V.
Romano Svato – Verein für transkulturelle Kommunikation e.V.
ADEFRA  e.V.
AK UniWatch
Fachschaftsinitiative Gender Studies (HU Berlin)
Fachschaftsinitiative Slawistik & Hungarologie (HU Berlin)

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von uns öffentlich geführt wird und wir dieses Anschreiben sowie Ihre Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

Statement zum Kolloquium Korrigiert (.pdf zum Download)

* In einer früheren Version dieses Statements haben wir diese Person fälschlicherweise als Ulrike Vedder identifiziert. Wir entschuldigen uns aufrichtig für diese Verwechslung.

6 Kommentare

  1. Sabine Broeck antwortete am 18.11.:
    gestern abend habe ich eine email erhalten, die eine sehr weitreichende kritik meiner person beinhaltet. es ist ein brief ohne absender. dies ist schade, denn für mich ist eine email-adresse kein gegenüber, was es unmöglich macht, direkt zu antworten. deswegen wähle ich diesen weg, euch anzuschreiben mit meiner stellungnahme zu der kritik. (dieser brief folgt unten) damit sich alle ein bild machen können, da die kritik möglicherweise weit im netz verbreitet wird. eine von google übersetzte rohe englische version des textes ist im anhang meiner mail.

    ich möchte dazu folgendes sagen und betonen, dass dies ausschließlich meine eigene und nur von mir zu verantwortende antwort auf die spezifische kritik an mir ist.

    1. ich verstehe, dass die verwendung des n- worts eine epistemische verletzung reproduziert, auch wenn die verwendung erfolgt, um eine kritik an rassistischer gewalt zu üben. eine solche kritik ist das anliegen meiner arbeit. es tut mir leid, dass meine verwendung des n- wortes im rahmen meiner kritik an anti-schwarzer gewalt teilnehmerinnen der tagung verletzt hat. entschuldigen kann ich mich allerdings nicht selbst. ich würde mich freuen, wenn seitens der betroffenen eine solche entschuldigung ausgesprochen werden könnte, und bitte hiermit darum.

    2. zur arbeit der research group black knowledges liegt eine erklärung unsererseits vor, die auch seit einigen wochen auf unserer website einsehbar ist, siehe
    http://www.bbs.uni-bremen.de .

    3. ich habe öffentlich den „catalogue of demands“ des Network for People of African Descent in Europ eund der isd unterstützt, insbesondere die meinen eigenen arbeitsbereich direkt betreffenden forderungen zu higher education. (Siehe http://isdonline.de/projekte/netzwerktreffennetwork-meeting-for-people-of-african-descent/). ich stimme den punkten und der perspektive des netzwerks völlig zu: die situation an europäischen universitäten ist von einer rassistischen einstellungspolitik und rassistischen wissenschaftsinhalten und – mustern geprägt, wie dies auch von den kampagnen in grossbritannien “Why Isn’t My professor Black” und “Why Is My Curriculum White” derzeit breit öffentlich zur diskussion gebracht wird. es ist mir klargeworden, dass diese situation nur durch konzertierte aktion durchbrochen werden kann. solange es z..b. in berufungskommissionen immer wieder mehrheitentscheidungen gegen qualifizierte schwarze kandidatinnen gibt, ist dies nicht isoliert von einzelnen im inneren der institution implizierten weissen akteuren zu ändern, sondern es braucht öffentlichen druck seitens breiter bündnisse wie z.B. dieser initiative. deshalb würde ich mich freuen, etwaige kampagnen und aktionen unterstützen zu können.

    4. der vortrag, der in berlin abgebrochen wurde, sollte deswegen eine notwendige wende im rahmen post- und dekolonialer wissenschaft unterstützen, weg von dem, was ich ethnographische gefrässigkeit nenne, hin zu einer wissenschaftspolitischen intervention. ziel dieser intervention – wie auch in dem brief unten steht – ist die zentrierung schwarzer positionen, die kritik weisser epistemischer, sozialer und politischer gewalt, und eine der gesellschaftlichen realität angemessene repräsentation schwarzer menschen im wissenschaftlichen bereich. der vortrag wendet sich selbstkritisch gegen den auch in den postkolonialen studien, der amerikanistik, den gender studies und anderen kritischen bereichen der „humanities“ betriebenen weissen voyeurismus. ich füge den vortrag hier an, damit er bei bedarf diskutierbar wird. das n- word ist nicht mehr darin enthalten.

    5. in dem brief zur berlin tagung werden nach meiner erinnerung einzelne tatsachen nicht richtig dargestellt. ich habe das n-wort ausschließlich als zitat einer kritik des schwarzen kanadischen wissenschaftlers r. walcott und keinesfalls als meinen eigenen begriff sorglos verwandt. ich habe, als die intervention erfolgte, meinen vortrag abgebrochen und die pause sofort akzeptiert. nach ende der pause wurde seitens der protestierenden gruppe klargemacht, dass ich nicht weitersprechen sollte. das habe ich sofort und ohne irgendwelche „manöver“ akzeptiert.

    6. ich wünsche mir, dass ein gespräch aufgenommen werden könnte.

    Sabine Broeck

    • Antwort an Sabine Broeck vom 19.11.:
      Sehr geehrte Sabine Broeck,

      Wir teilen die Anliegen, die Sie in Punkt 3 und 4 zum Ausdruck bringen. Umso bedauerlicher ist es, dass diese Anliegen auf dem Kolloquium aufgrund der von Ihnen ausgeübten epistemischen Gewalt kein Gehör und keine Unterstützung finden konnten. Es ist kontraproduktiv, einen Abbau des systemischen Rassismus an der Universität zu fordern und dabei selbst rassistische epistemische Gewalt gegen Schwarze, Rroma und PoC auszuüben.

      Zu Punkt 5 ist zu sagen, dass die Darstellung der Geschehnisse auf dem Kolloquium der kollektiven Wahrnehmung mehrerer anwesender Personen entspricht, weshalb wir davon ausgehen, dass das von uns Wahrgenommene und Erinnerte dem tatsächlich Geschehenen entspricht oder doch zumindest sehr nah kommt. Erst als Sie das N-Wort außerhalb eines Zitates verwendet haben, haben Menschen den Saal verlassen. Sie wollten daraufhin mit Ihrem Vortrag fortfahren und haben auf Nachfrage aus dem Publikum, ob das N-Wort, das sie gerade benutzt hatten, so auch in Ihrem Manuskript steht, bestätigt, dass es das nicht tut und dass es sich um einen spontanen Ausspruch von Ihnen handelte, den Sie (wie im Statement beschrieben) als „offensichtlich [sic] überspitzt und ironisch“ bezeichneten und “zurücknehmen” wollten, um mit dem Vortrag fortfahren zu können. Was den weiteren Fortgang nach der Pause angeht, decken sich Ihre Wahrnehmungen mit unseren: Nicht Sie, sondern andere Weiße haben nach der Pause aufgebracht und lautstark gegen unsere Entscheidung protestiert (siehe Statement). Wenn Sie unseren Worten keinen Glauben schenken, gleichen Sie doch bitte zumindest Ihre Erinnerungen mit denen anderer anwesender Menschen ab, bevor Sie uns öffentlich der Lüge bezichtigen.

      Darüber hinaus sei auch angemerkt, dass sich unsere Kritik nicht ausschließlich auf die Verwendung des N-Wortes (sowohl in Zitaten als auch außerhalb von Zitaten) richtet. Wir kritisieren ebenso, dass Sie die Entmenschlichung Schwarzer Menschen in Ihrem Vortrag performativ wiederholen. Diese gewaltvolle Wiederholung ist (wie Ihrem Vortrags-Manuskript zu entnehmen ist) nicht auf die Verwendung des N-Wortes beschränkt.

      Sie werden sicher verstehen, dass wir Ihre Entschuldigung nicht annehmen können, solange wir unterschiedliche Wahrnehmungen der Vorfälle haben, für die Sie sich entschuldigen möchten.

      Mit freundlichen Grüßen!

      PS: Zu dem von Ihnen unter Punkt 2 erwähnten Statement wäre auch einiges zu sagen, doch muss diese Auseinandersetzung an anderer Stelle und von anderen Menschen geführt werden.

  2. Ina Kerner antwortete am 25.11.:
    An die anonymen Autor_innen des Textes „Gegen rassistische epistemische Gewalt an der Universität“:

    Vielen Dank für die Zusendung Ihres Statements zum ZtG-Kolloquium über epistemische Gewalt und epistemischen Ungehorsam. Grundsätzlich teile ich Ihren Unmut über die Stellenbesetzungspolitik an deutschen Hochschulen; und fand es mit Blick auf unser Panel sehr schade, dass bereits im Vorfeld Nana Adusei-Poku, sehr kurzfristig dann auch Encarnación Gutiérrez Rodríguez absagen musste. Auch ich hätte das Panel lieber in der ursprünglich geplanten Vierer-Konstellation bestritten.

    Da Sie in Ihrem Statement scharfe Kritik an dem Panel- bzw. Vortrags-Kommentar erheben, den ich während des Kolloquiums vorgetragen habe, möchte ich allerdings zwei Dinge klarstellen. Zu diesem Zweck füge ich an dieser Stelle zunächst einmal (kursiv) jene Teile meines Kommentar-Manuskripts ein, die sich direkt auf den Vortrag von Sabine Broeck bezogen:

    „Sabine Broeck hat eindrücklich die Prozesse der Abjektion von Blackness im Kontext der Amerikanischen Kolonialgeschichte und der dort für lange Zeit praktizierten sog. „Plantagensklaverei“ skizziert und – im Sinne neuerer schwarzer Kritik – dafür plädiert, für die USA „von einer Kontinuität der schwarzen Abjektion zwischen der Versklaverei einerseits und heutiger Dehumanisierung, Vernichtungspolitik und Prison Industrial Complex“ auszugehen. Die Kontinuität kolonialer Muster von Macht und Herrschaft, eine „Kolonialität der Macht“ ist etwas, das auch von lateinamerikanischen Vertreter_innen dekolonialer Positionen betont wird.

    Meiner Ansicht nach ergeben sich daraus für eine Diskussion über Formen des institutionellen Rassismus und Sexismus im dt. Wissenschaftsbetrieb drei Fragen:

    1. Worin genau zeigt sich diese Kontinuität – wenn wir mal prinzipiell unterstellen, es gäbe sie – heute noch genau, was aber hat sich auch verändert, nicht zuletzt durch unterschiedliche antirassistische Kämpfe? Auch wenn die starke Kontinuitätsthese dazu angetan sein mag, gegenwärtige Missstände mit großer rhetorischer Wucht anzuprangern, birgt sie meiner Einschätzung nach doch auch die Gefahr, politischen Wandel, darunter auch Erfolge politischer Kämpfe, unsichtbar zu machen, solche Kämpfe selbst ebenso wie ihre Akteur_innen in der Analyse auszublenden bzw. unterzubetonen und damit am Ende ferner vielleicht sogar noch viktimisierende Effekte zu haben, insbesondere dann, wenn die Kontinuitätsthese aus einer privilegierten Position heraus, in diesem Falle einer weißen Position heraus geäußert wird.

    2. Was sind weiß und schwarz als „strukturelle gesellschaftliche Subjektpositionen der Macht“ in Deutschland, oder, anders gefragt: wie inklusiv sollten wir zu sein versuchen, wenn wir Rassismus in Deutschland bzw. an dt. Universitäten thematisieren? Dass Rassismus ein Phänomen mit den unterschiedlichsten Erscheinungsformen ist, ist hinlänglich bekannt, und dass er ganz unterschiedliche Differenzen zu konstruieren und zu hierarchisieren vermag, ebenso. Daher: Sollte es, wenn man Sabine Broecks Ausführungen mit Blick auf den hiesigen Kontext diskutiert, vor allem um weiße Deutsche und um Afro-Deutsche gehen? Welche Rolle spielt die Situation anderer Menschen, die sich als People of Color definieren? Welche Rolle spielt die deutliche Unterrepräsentation der Nachfahren ehemaliger Gastarbeiter an deutschen Hochschulen, und jene von Sinti und Roma? Welche Rolle spielen religiöse Differenzierungen und mit ihnen Antisemitismus und Islamophobie? Und schließlich: Wie kann man es schaffen, dass sich aus dieser komplexen Konstellation keine sog. Unterdrückungsolympiade ergibt, sondern eher ein gemeinsamer Kampf? Und für wen stünde sinnvollerweise das „man“ in „wie kann man es schaffen“?

    3. Nicht nur, aber auch weil wir hier bei einer Veranstaltung des ZtG sind: Was ist die Rolle von Geschlecht, geschlechtlichen Differenzierungen und Sexismus in diesem Szenario? Spielen sie eine systematisch bedeutende Rolle, was ja die Grundunterstellung intersektionaler/interdependenter Denkmuster und Ansätze wäre? Geht es uns darum, die Wirkungsweisen und möglichen Verschränkungen von institutionellem Rassismus und institutionellem Sexismus im dt. Hochschulwesen zu verstehen und wenn möglich zu bekämpfen oder eher darum, Formen des institutionellen Rassismus im Kontext der Gender Studies zu verstehen und wenn möglich zu bekämpfen?“

    Wie Sie sehen, habe ich in meinem Kommentar vor allem eine Liste von in meinen Augen zunächst offenen Diskussionsfragen formuliert. Ich verstehe die Funktion eines Vortragskommentars bei einer wissenschaftlichen Veranstaltung in erster Linie als Diskussionsanregung.

    Nun zu den beiden Punkten:

    Sie unterstellen mir in Ihrem Schreiben, ich hätte die Zentrierung Schwarzer Perspektiven und Anliegen in anti-rassistischen Kämpfen an der Universität quasi allgemein als „Unterdrückungs-Olympiade“ dargestellt, durch die andere anti-rassistische Kämpfe verdeckt würden; ferner hätte ich „über das angebliche Leiden von Rroma unter der Zentrierung Schwarzer Menschen und Perspektiven in universitären Kontexten doziert“. Das führt Sie zu der These, ich diskreditierte bestehende Allianzen und Solidaritäten zwischen People of Color. Dass Sie die aufgeworfenen Fragen einschließlich der zunächst einmal offen gestellten Frage, wie man es schaffen könne, eine Konkurrenz verschiedener Kämpfe zu verhindern, als Angriff auf bereits bestehende Allianzen interpretieren, finde ich gelinde gesagt überraschend. Dass Sie diese Interpretation zum Vorwurf zuspitzen, ich diskreditiere bestehende Allianzen, verletzt in meinen Augen Grundregeln wissenschaftlicher und politischer Fairness. Denn meine Frage, wie man gemeinsame Kämpfe hinbekommen könnte, deuten Sie als Angriff auf Ihre gemeinsamen Kämpfe. Ein solcher Angriff lag mir zum Zeitpunkt des Kolloquiums, also vor einem halben Jahr, ebenso fern wie heute. Mir ist allerdings außerdem unklar, welche meiner Aussagen/Fragen Ihre Erklärung deckt, ich hätte „über das angebliche Leiden von Rroma unter der Zentrierung Schwarzer Menschen und Perspektiven“ doziert. Vor diesem Grund bitte ich Sie mit Nachdruck, die Formulierung des entsprechenden Absatzes noch einmal zu überdenken.

    Das gilt auch für den zweiten Punkt: Sie werfen mir vor, ich hätte mich aktiv gegen die Intervention einer anwesenden Rromni gegen die Verwendung des N-Wortes gewehrt („Die extreme Ironie, dass eine weiße Professorin über das angebliche Leiden von Rroma unter der Zentrierung Schwarzer Menschen in universitären Kontexten doziert, während sie und andere weiße sich aktiv gegen die Intervention einer anwesenden Rromni gegen die Verwendung des N-Wortes wehren, ist wohl nur wenigen Anwesenden aufgefallen.“). Ich wüsste wirklich gerne, worauf Sie sich hier beziehen. Da ich mich während der Veranstaltung aus schlechten Gründen (ich war gesundheitlich angeschlagen) abgesehen von meinem Kommentar an den Diskussionen nicht beteiligt habe, erscheint mir dieser Vorwurf nur dann plausibel, wenn Sie meine schiere Anwesenheit bereits als aktive Intervention werten – eine solche Interpretation wiederum halte ich im besten Sinne für absurd, ansonsten erscheint sie mir äußerst befremdlich.

    Sabine Broeck schätze ich tatsächlich seit vielen Jahren – nicht zuletzt für ihren langjährigen Einsatz für die Verankerung postkolonialer und Schwarzer Texte, Theorien und Positionen im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Dass sie in Ihrem Beitrag einen diskreditierenden Begriff im ironischen Zitat verwendet hat, erschien mir unnötig und unpassend; ich gehe aber auch davon aus, dass der Kontext einer Begriffsverwendung für deren Bedeutung eine Rolle spielt. Der Vortrag selbst war ja eine massive Kritik an der Monstrosität des weißen Rassismus gegen Schwarze.

    Mit bestem Gruß,

    Ina Kerner.

    • Antwort an Ina Kerner vom 10.12.:
      An Ina Kerner:

      Vielen Dank, dass Sie den Text Ihres Kommentars öffentlich zur Verfügung gestellt haben. Da es sich bei Ihrem Text um einen Kommentar zu Sabine Broecks Vortrag handelt, ist klar, dass Sie nicht etwa, wie Sie behaupten „zunächst offene Diskussionsfragen“ stellen, sondern unter Punkt 2 in Frageform eine Gegenposition zu Sabine Broecks These skizzieren, dass es wichtig sei, Schwarze Erfahrungen und Perspektiven in Kämpfen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen zu zentrieren. Insofern implizieren Sie sehr wohl, dass diese Zentrierung einer „Unterdrückungsolympiade“ gleichkommen könnte, durch die die „komplexe Konstellation“ rassistischer Verhältnisse in Deutschland verdeckt würde. Ebenso implizieren Sie, dass diese Zentrierung Schwarzer Erfahrungen und Perspektiven dazu führen könnte, dass die „Unterrepräsentation … von Sinti und Roma“ nicht ausreichend bedacht wird und folglich Rroma zu kurz kommen, wenn Schwarze im Mittelpunkt der Analyse und des anti-rassistischen Kampfs stehen. Nur weil Sie diese Argumente nicht explizit als Ihre eigenen vertreten haben, sondern sie stattdessen vorsichtig in Frage-Form formuliert haben, stehen Sie deshalb ja nicht weniger im Raum und dienen nicht weniger dazu, die Zentrierung Schwarzer Erfahrungen und Perspektiven in Frage zu stellen.

      Sie fragen zu Recht, „für wen stünde sinnvollerweise das „man“ in, „wie kann man es schaffen“?“ – wir hingegen fragen auch: Für wen steht das „wir“ in „wie inklusiv sollten wir zu sein versuchen, wenn wir Rassismus in Deutschland bzw. an dt. Universitäten thematisieren?“? Wenn Sie damit sich selbst und Ihre weißen Kolleg_innen meinen, dann sagen wir: Ja, Sie sollten möglichst inklusiv sein und möglichst alle Formen von Rassismus an der Universität bekämpfen. Vor allen Dingen sollten Sie aber überhaupt Rassismus bekämpfen und ihn nicht nur „thematisieren.“ Das Ziel ist nicht, die schönste und inklusivste Theorie zu entwickeln, sondern endlich mal an irgendeiner Stelle anzufangen, Rassismus konkret abzubauen. Wenn Ihre Kollegin Sabine Broeck vorschlägt, dabei mit der Bekämpfung von spezifisch anti-Schwarzem Rassismus zu beginnen, dann ist es wenig hilfreich, wenn Sie diesen Vorschlag dafür kritisieren, dass dabei womöglich andere Formen von Rassismus außen vor gelassen werden. Das ist Derailing, das durch endloses Theoretisieren vom Handeln abhält. Mit Begeisterung würden wir gerne mehr davon erfahren, an welchen Stellen Sie Ihre Kritik beispielsweise an der Unterrepräsentation von Rroma an der Universität in die Tat umsetzen und sich aktiv gegen Antiromaismus im Bildungssystem engagieren. Oder handelt es sich bei Ihren Überlegungen am Ende doch nur um einen Versuch des Ausspielens von Rassismus-Betroffenen gegeneinander?

      Falls Sie mit diesem „wir“ aber Menschen meinen, die sich in konkreten anti-rassistischen Initiativen (z.B. aktuell an der Humboldt-Universität) organisieren, die Schwarze Erfahrungen und Perspektiven zentrieren, dann ist zunächst einmal festzuhalten, dass Sie unseres Wissens nach gar nicht Teil eines solchen „wir“ sind. Von daher ist es auch wirklich nicht Ihre Aufgabe als weiße Juniorprofessorin, öffentlich darüber nachzudenken, inwieweit solche Initiativen und Allianzen eventuell nicht inklusiv genug sein könnten.

      Was wir „gelinde gesagt überraschend“ finden, ist, dass Sie so tun, als ob Sie nicht ganz genau wüssten, dass es in Ihrem unmittelbaren Arbeitsumfeld am ZtG aktuell konkrete Initiativen und Allianzen von Schwarzen, Rroma, PoCs und solidarischen weißen gibt, die Schwarze Erfahrungen und Perspektiven zentrieren. In Anbetracht der Tatsache, dass Sie Ihren Kommentar ja nicht irgendwo gegeben haben, sondern auf einer Veranstaltung genau desjenigen Instituts, an dem diese Auseinandersetzungen stattfinden, waren Ihre Fragen also keineswegs so offen und wissenschaftlich_neutral wie Sie behaupten.

      Auch wenn Sie diesen Kontext de facto nicht explizit in Ihrem Kommentar benannt haben, muss Ihnen doch klar sein, dass viele der Anwesenden sehr wohl verstanden haben, dass Ihr Kommentar aus und zu diesem Kontext spricht.

      Zu Ihrem Argument, dass Ihre „schiere Anwesenheit“ kein aktiver Rassismus sein kann, ist zu sagen, dass Sie auf dem Kolloquium ja nicht einfach nur „anwesend“ waren – Sie saßen auf dem Podium. Was Sie in dieser Positio nicht tun und nicht sagen ist ebenso wichtig, wie das, was Sie tun und sagen. Auch Ihnen ist ja sicher das folgende, Desmond Tutu zugeschriebene Zitat bekannt: „If you are neutral in situations of injustice, you have chosen the side of the oppressor.“ Auch Sie haben, wie in unserem Statement bereits dargelegt, „the side of the oppressor“ gewählt, als Sie den Protest gegen Sabine Broecks Vortrag ignoriert haben und in Ihrem Kommentar nicht darauf eingegangen sind. Ihre bewusste Entscheidung, in einer Situation, in der Rassismus stattfand, weder auf diesen Rassismus noch auf den Protest dagegen in irgendeiner Form zu reagieren, ist eine aktive, rassistische Handlung. Ihr demonstrativer Schulterschluss mit Ihrer „sehr geschätzten“ Kollegin geht über diese Pseudo-Neutralität noch hinaus und positioniert Sie klar auf der Seite derjenigen, die Rassismus ausüben, tolerieren und verteidigen.

      Während Sie jetzt immerhin zugestehen, dass auch Sie Sabine Broecks Verwendung des N-Wortes für „unnötig und unpassend“ hielten, haben Sie nicht mal dieser harmlosen Kritik auf dem Kolloquium auch nur mit einer Silbe Ausdruck verliehen. Und selbst jetzt verharmlosen und verteidigen Sie das Geschehene, indem Sie die Verwendung des N-Wortes lediglich als „diskreditierend“ bezeichnen und darüber mutmaßen, ob es nicht vielleicht doch Kontexte geben könnte, in denen die Verwendung dieses Begriffs in Ordnung ist. Dass Sie als Professorin für Diversity Politics nicht in der Lage sind, die Verwendung des N-Wortes klar als rassistische Gewaltausübung zu benennen, die in keinem Kontext akzeptabel ist, finden wir gelinde gesagt schockierend.

      Es wundert uns auch, dass Sie als Wissenschaftlerin nicht in der Lage sind, ein akademisches Zitat von der Widergabe rassistischer Diskurse in eigenen Worten zu unterscheiden. Wir bitten Sie darum, nicht zu verschleiern, dass Sabine Broeck das N-Wort sowohl als Teil von Zitaten als auch in ihren eigenen Worten außerhalb eines wissenschaftlichen Zitats verwendet hat.

      Wir fordern auch Sie dazu auf, endlich Ihre weiße „Opferhaltung“ aufzugeben und Verantwortung zu übernehmen für Ihren Beitrag zur Ausübung rassistischer Gewalt und Aufrechterhaltung weißer Dominanz auf dem Kolloquium.

      Mit freundlichen Grüßen!

  3. An das ZTG 25.11.:
    Sehr geehrte Mitglieder des ZtG,

    Bereits seit 10 Tagen (also seit Dienstag, den 18.11.2014), liegt Ilona Pache und Gabriele Jähnert das untenstehende Statement zu dem vom ZtG organisierten Kolloquium „Von epistemischer Gewalt zu epistemischem Ungehorsam?“ mit der Bitte um Weiterleitung über die vom ZtG verwalteten E-Mail-Verteiler vor. Über die öffentlichen Verteiler ist diese Weiterleitung bis heute nicht erfolgt. Da das Statement unseren Informationen nach zumindest bis zur Sitzung der Gemeinsamen Kommission am Montag auch innerhalb des ZtG nicht weitergeleitet worden war, sehen wir uns gezwungen, Ihnen das Statement heute direkt zuzuschicken, um wenigstens Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selbst eine Meinung dazu bilden zu können. Die Menschen, die auf dem öffentlichen Verteiler des ZtG stehen, können wir auf diese Weise leider nicht erreichen.

    Wir möchten Sie mit dieser Mail auch auf die sehr befremdliche Informationspolitik einzelner Menschen innerhalb des ZtG aufmerksam machen. Das ZtG hat einen öffentlichen Verteiler, auf dem Menschen sich genau deshalb eingetragen haben, weil sie an der Arbeit des ZtG interessiert sind. Sich 10 Tage lang zu weigern, die Kritik an einer ZtG-Veranstaltung über diesen Verteiler zu schicken, und die Kritik sogar Ihnen als Mitgliedern des ZtG vorzuenthalten, ist in unseren Augen ein eindeutiger Versuch, Kritik am ZtG zum Schweigen zu bringen und im Keim zu ersticken. Wie gut diese Verschleppungstaktik funktioniert, zeigt sich daran, dass Ihnen dadurch die Möglichkeit genommen wurde, das Statement zeitnah auf der Sitzung der Gemeinsamen Kommission am Montag zu diskutieren.

    Während einzelne Mitglieder des ZtG noch versuchen, das Bekanntwerden der rassistischen Vorfälle möglichst zu verhindern, ist das Statement natürlich längst auf diversen Webseiten veröffentlicht, unter anderem auf der Webseite der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland Bund e.V. (http://isdonline.de/gegen-rassistische-epistemische-gewalt-an-der-universitaet/), auf dem Blog von #schauhin (http://schauhin.tumblr.com/post/103214326014/gegen-rassistische-epistemische-gewalt-an-der ) und auf der Webseite von AK UniWatch (https://akuniwatch.wordpress.com/). Wie wir gehört haben, ist das aktive Ver_Schweigen des ZtG auch bereits vielen anderen Menschen aufgefallen, die das Statement über diese Kanäle erhalten haben. Eine größere Gruppe dieser Leute hat sich am Montag die Mühe gemacht, persönlich zur Sitzung der Gemeinsamen Kommission zu gehen, um dort den Antrag zu stellen, das Statement endlich über die dem ZtG zur Verfügung stehenden Verteiler zu verschicken. Wie wir gehört haben, haben es die anwesenden Mitglieder der Gemeinsamen Kommission abgelehnt, diesen Antrag auch nur auf die Tagesordnung zu setzen.

    Ist dieser Umgang mit Kritik wirklich in Ihrem Sinn? Möchten Sie wirklich, dass das ZtG als eine Institution wahrgenommen wird, die anti-rassistische Kritik mit allen Mitteln zum Schweigen bringt? Wenn Sie so nicht wahrgenommen werden möchten, möchten wir Sie dazu einladen, Ihren Teil dazu beizutragen, dass sich sowohl die Informationspolitik als auch der Umgang mit Kritik im ZtG verändert. Die weiße Solidarität innerhalb des ZtG muss endlich aufgebrochen werden. Und die innerhalb des ZtG so gerne angewandten Taktiken des Verschweigens, des Verschleppens, des Uminterpretierens und Abstreitens müssen endlich als das benannt werden, was sie sind: rassistisch.

    Wir fordern die Verantwortlichen noch einmal dazu auf, ihre Verschleppungstaktik aufzugeben und das Statement jetzt auch über den öffentlichen Verteiler des ZtG zu verschicken. Das ZtG als ganzes fordern wir dazu auf, endlich Verantwortung für das zu übernehmen, was auf einer öffentlichen Veranstaltung im Namen des ZtG geschehen ist.

    Mit freundlichen Grüßen!

    PS: Wir haben gehört, dass in der Gemeinsamen Kommission behauptet wurde, dass das Statement Falschaussagen enthalten würde. Tatsächlich hat uns Ulrike Vedder letzte Woche dankenswerterweise auf eine Verwechslung aufmerksam gemacht, die wir allerdings umgehend richtig gestellt haben und für die wir uns öffentlich entschuldigt haben. Uns ist deshalb nicht klar, auf welche angeblichen Falschaussagen sich einzelne Mitglieder des ZtG zu beziehen versuchen. Wir stehen ebenfalls im E-Mail-Austausch mit Sabine Broeck und Ina Kerner, deren Wahrnehmung und Interpretation der Vorfälle an manchen Punkten von unserer abweicht. Da unser E-Mail-Austausch öffentlich geführt wird, können Sie diese E-Mails gerne auf Nachfrage von uns erhalten. Wir möchten die Personen, die uns der Falschaussage bezichtigt haben, nachdrücklich darum bitten, davon in Zukunft abzusehen, solange sie uns keine tatsächlichen Falschaussagen nachweisen können. Sollten solche im Statement enthalten sein, sind wir selbstverständlich bereit, sie zu korrigieren. Sie können Dinge anders interpretieren und bewerten als wir, aber Sie können nicht abstreiten, was vor zahlreichen Zeug_innen auf einer öffentlichen Veranstaltung geschehen ist.
    Gegen rassistische epistemische Gewalt an der Universität!

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