Offener Brief an den Direktor des Internationalen Literaturfestivals Berlin Ulrich Schreiber Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e. V. Chausseestraße 5 10115 Berlin

Berlin, 23.09.2018

Sehr geehrter Herr Ulrich Schreiber,

als Gastautor*innen des Specials „decolonizing wor:l:ds“ möchten wir Ihnen als Festivaldirektor – vor allem aber der engagierten Kuratorin Raphaelle Efoui Delplanque – für die Einladung zum 18. internationalen literaturfestival berlin danken. Die im Gesamtkatalog zu Unrecht nicht gewürdigte Organisatorin hat einen großartigen, transnationalen Programmteil gestaltet, der dem Anspruch des ilb, „den Menschenrechten, der Weltoffenheit, der Multiperspektivität, dem Dialog und der Gastfreundschaft verpflichtet“ zu sein, vollkommen gerecht wurde. Mit dem aquarium im Südblock hat sie einen Veranstaltungsort gewählt, an dem wir auf ein ebenso breites wie interessiertes Publikum trafen.

Umso schockierender war für uns die Erkenntnis, dass das Abschlussevent des ilb-Specials diesem Anspruch sowie seinem programmatischen Titel diametral zuwiderlief und buchstäblich allem entgegenstand, wofür wir schreiben und kämpfen. Nicht, dass wir etwas gegen die Einladung des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Hermann Parzinger, zu dem von uns mit gestalteten Programmteil einzuwenden gehabt hätten. Im Gegenteil: einige von uns suchen seit Jahren vergeblich die öffentliche und kritische Diskussion mit dem Chef der größten Kulturstiftung der Bundesrepublik, die mehrere hunderttausend Kulturschätze und mehr als achttausend menschliche Gebeine aus kolonialen Unrechtskontexten in ihren Depots zu liegen hat.

Wir müssen jedoch mit aller Schärfe dagegen protestieren, dass Sie Hermann Parzinger mit der Wahl des exklusiven Veranstaltungsortes der Berliner Festspiele und mit der seines weißen deutschen Interviewpartners Thomas E. Schmidt ermöglicht haben, sich der transnationalen kritischen Diskussion mit uns und unserem Publikum erneut zu entziehen. Sie haben dem Stiftungspräsidenten, der in den zehn Jahren seiner Amtszeit jede Rückgabe von Objekten oder Gebeinen an die Nachfahren der von Deutschland Kolonisierten verhindert hat, damit die Möglichkeit geboten, sich selbst, das Humboldt Forum und die SPK nahezu unwidersprochen als maßgebliche Akteure der Dekolonisierung Berlins darzustellen.

Sie werden verstehen, dass wir Gastautor*innen uns dabei zu Statisten einer nationalen Imagekampagne der Stiftung Preußischer Kulturbesitz degradiert sehen. Offensichtlich geht es dabei um die Wahrung der Diskurshoheit durch die Vereinnahmung transnationaler und kolonialismuskritischer Begrifflichkeit und Debatten. Wenn das internationale Lliteraturfestival berlin der SPK dabei – sicher nicht auf Vorschlag der verantwortlichen Schwarzen Kuratorin – willig zur Seite steht, dann ist es höchste Zeit, auch über dessen (post)koloniale Strukturen zu diskutieren: „We must decolonize worlds. That’s because words can far too easily be colonized.“

Mit freundlichen Grüßen

Amandine Gay, Noa K. Ha, Christian Kopp, Zethu Matebeni, Anja Michaelsen, Musa Okwonga, kate-hers RHEE, Zairong Xiang