folgender offener Brief haben wir von der Seite einer Gruppe von  Eltern Schwarzer Kinder und sie möchten mit diesem Schreiben ihre Bedenken und Einwände an der Website von afroguide.de, “Portal für afro-deutsche Erziehung & Bildung”, mitteilen

 

Liebe afroguide.de-Redaktion, liebe Ulrike Düregger,

wir sind Eltern Schwarzer Kinder und möchten Euch mit diesem Schreiben unsere Bedenken und Einwände an Eurer Website afroguide.de, “Portal für afro-deutsche Erziehung & Bildung”, mitteilen. Ihr vermittelt den Eindruck, die Afro-deutsche Spielgruppe Berlin sei als Initiatorin des “afroguide” Portals im Besitz eines Mandats zur Vertretung Schwarzer Menschen und Eltern Schwarzer Kinder und einer damit einhergehenden Deutungshoheit. Dem wollen wir ausdrücklich widersprechen. Wir distanzieren uns ganz deutlich von vielen Eurer Darstellungen, Empfehlungen und dargestellten Handlungen auf der Website.

Unsere Meinung möchten wir wie folgt begründen:

Transparente Selbstdarstellung fehlt

Wer steht dahinter? – Wir wissen aus teilweise persönlichen Kontakten, eine weiße Leitung, doch die Seite macht das nicht deutlich.
Wie definiert Ihr afro-deutsche Erziehung und Bildung? Warum erachtet Ihr eine “besondere/andere” Erziehung als nötig und warum bedarf es dafür ein eigenes Portal?

Eurem auf der Seite geäußerten Selbstverständnis zufolge nehmt Ihr an, dass Ihr (weißer) Teil der “afro-deutschen Community” seid. Das ist jedoch ein Widerspruch in sich. Den Versuch des Einverleibens der “afro-deutschen Community” und die Umdefinition der Selbstzeichnung vieler Schwarzer Deutscher durch eine weiße Kreation einer Zugehörigkeit erachten wir als unzulässig.

Weiße Fehleinschätzung und Ignoranz Schwarzer Leistungen

Ihr macht den Eindruck als wüsstet Ihr, was der “afro-deutschen Community” fehlt: Dachverband, Lobby, Netzwerk. Das zeugt von einer Fehleinschätzung der eigenen weißenPosition und Ignoranz der Leistungen Schwarzer. Bereits seit etwa dreißig Jahren organisieren und engagieren sich Schwarze Deutsche in Initiativen und Interessensvertretungen in Deutschland, wie z.B. die ISD und ADEFRA. Hinzu kamen und kommen zahlreich Engagierte und Projekte in Kunst, Politik, Bildung und Wissenschaft (May Ayim, Austen Brandt, Brauner Mob, Tahir Della, Maisha Eggers, Nadine Golly, Homestory Deutschland, Bärbel Kampmann, Grada Kilomba, Phillip Khabo Köpsell, Label Noir, Stephen Lawson, Katharina Oguntoye, Peggy Piesche, Paulette Reed-Anderson, Noah Sow, u.v.m.). Sie erreichen z.T. eine sehr breite mediale Öffentlichkeit, wie z.B. in jüngerer Zeit: die Blackface-Kampagne, die Racial-Profiling-Kampagne, und die Diskussion um die Streichung des N-Wortes aus (Kinder-) Büchern. Die von Euch suggerierte Pioniersarbeit entblößt sich angesichts des bereits Erreichten und ihrer tatsächlichen Akteur_innen als Anmaßung.

Als weiße Leitung der Spielgruppe erweckt Ihr den Eindruck, Ihr könntet beurteilen, in welcher Intensität Schwarze deutsche Kinder mit “Herausforderungen” konfrontiert sind. Zudem finden sich Züge einer weißen Grundhaltung, in der Schwarze Menschen – hier die eigenen Kinder – exotisiert werden. Ein anmaßendes und zugleich ignorantes Verhalten, das bei weißen Müttern (und Vätern) Schwarzer Kinder in unserer durch Rassismus geprägten Gesellschaft immer potentiell vorhanden ist und auch auf dem Portal zum Vorschein kommt.

Eure Selbsteinschätzung, ein „Best-Practice-Projekt“ zu sein, können wir nicht teilen.

Fehlendes Verantwortungsbewusstsein

Ihr als selbst-erklärte weiße Nicht-Expertinnen bietet auf Eurer Seite Sprechstunden und eine buchbare Beratung an. Wir kritisieren daran den maternalistischen Ansatz, der dem Motto folgt “Weiße zeigen Schwarzen (und Weißen) wie Schwarz-Sein in Deutschland geht”. Wir kritisieren daran auch, das die Problematik der eigenen weißen Sozialisation nicht gesehen / nicht sichtbar gemacht wird, die in diesem Kontext ein besonderes Dilemma bedeutet und unserer Meinung nach einen andauernden Selbstreflexionsprozess erfordert. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Thema und den anfragenden Menschen würde bedeuten, Kontakte zu professionell arbeitenden Schwarzen Berater_innen und Trainer_innen zu vermitteln.

Die Qualität und Art der Angebote und Antworten, die Ihr präsentiert (z.B. Quizze; Fettnäpfchen-Liste) beruhen in großen Teilen auf weißem, eurozentristischem Mainstream, welcher bedient und reproduziert wird. Eigene, kritische Recherchen und sich daraus ergebende reflektierte Sichtweisen sind nicht erkennbar. Diese Vernachlässigung wird der Verantwortung und dem Anspruch nicht gerecht, ein “Portal für afro-deutsche Erziehung & Bildung” sein zu wollen.

Es gibt keine Critical Blackness analog zur Critical Whiteness. Critical Whiteness bedeutet eine umfassende, selbstkritische Auseinandersetzung weißer Menschen mit ihrem Weiß-Sein und der Macht und den Privilegien, die damit verbunden sind. Das Ziel ist die Dekonstruktion rassistischer Strukturen. Sprache und Begriffe sind dabei ein wichtiger Bestandteil.
Wenn weiße Menschen Schwarze oder People of Color diskriminieren, so tun sie das aus einer Position der Macht heraus, einer Macht mit all ihren Facetten und ihrer Geschichte. Wenn Schwarze Weiße vorurteilsbehaftet be- oder verurteilen, dann tun sie das ohne diese Macht im Hintergrund. Deshalb ist es nicht vergleichbar und nicht beides Rassismus / Diskriminierung. Dies, wie auf dem Portal geschehen, zu behaupten, zeugt von verantwortungsloser Unkenntnis des politischen und wissenschaftlichen Ansatzes der Critical Whiteness.

Reproduktion rassistischer Sichtweisen

Schwarze Kinder (und Erwachsene) und People of Color werden exotisiert, kulturalisiert und als “anders” konstruiert. Hier einige Beispiele:

·     Haare Schwarzer Menschen werden als problematisch und Belastung in der Pflege und Handhabung dargestellt.
Diese weiße Bewertung reproduziert ein negatives Bild von Schwarzen Haaren. Sie ist nicht stärkend für Schwarze (Kinder) und bestärkt die Sicht vieler weißer Eltern auf ihre Schwarzen Kinder.

·     Trommeln habe etwas mit Schwarz-Sein zu tun.
In der Kürze der Darstellung kann vielleicht nicht die Vielfalt der Themen dargelegt werden, aber derartige Themen hervorzuheben, bestärkt rassistische Zuschreibungen.

·     Türkisch-deutsche Kinder hätten als Problem das Lernen der deutschen Sprache.
Diese Darstellung ist Ausdruck einer in ihrer Verallgemeinerung unzutreffenden, rassistisch verzerrten Wahrnehmung.

·     Automatisierte Afrikanisierung
Schwarze Menschen in Deutschland werden durch Annahmen über ihre Essgewohnheiten (“afrikanisches” Essen) und kulturelle Gewohnheiten (“afrikanische” Kultur) als afrikanisch bzw. einer bestimmten Kultur zugehörig konstruiert. Viele Aktivitäten wirken so, als wären sie nicht in der Realität Schwarzer in Deutschland verortet, sondern als würde die Identität der Kinder kulturalisiert.

·     Das Hautfarbenkonstrukt
Eine “Andersfarbigkeit” von Haut wird auf dem Portal fortgeschrieben und reproduziert. Dies ist Ausdruck eines reduzierten Blicks auf Rassismus (siehe unten).

Das eigentliche Problem – Rassismus – wird auf der Seit so gut wie nicht benannt.

Reduzierter Blick auf Rassismus

“Hautfarbe” ist eine rassistisch konstruierte Wahrnehmungskategorie. Diese geht mit Hierarchisierung und von unmarkierter Norm (= weiß) und markierter Abweichung (Schwarz, of Color) einher und wird über Sprache und Verhalten in einem gesellschaftlichen Kontext reproduziert. Weder das Ignorieren des Hautfarbenkonstrukts und seiner Wirksamkeit, noch die Verwendung eines Glossars für Begriffe, in dem dieses fortgeführt wird, hilft beim Überwinden des Problems der geschaffenen sozio-strukturellen Ungleichheit.

An vielen Stellen wird auf eine (konstruierte) “Andersartigkeit” Schwarzer Bezug genommen, diese reproduziert und für diese normorientierte Sichtweise Verständnis gezeigt. In diesem Zusammenhang negiert Ihr die Rassismuserfahrungen von People of Color, explizit derer, die Ihr “deutsch-türkisch” und “deutsch-arabisch” nennt.

Die Afro-deutschen Spielgruppe Berlin zeigt vielfach auf der Seite Verständnis gegenüber der “Neugierde” vieler weißer Menschen. Unserer Meinung nach ist diese „Neugierde“ Ignoranz, Grenzverletzung und Exotisierung und beruht auf einem reduzierten Blick auf Rassismus.

Wir finden es wichtig,
·  Schwarze Kinder darin zu bestärken Grenzen zu setzen (z.B. Anfassen (der Haare), Nachfragen wegen der Herkunft, Erklären / Buchstabieren des Namens),
·  die Grenzen Schwarzer Menschen und People of Color zu respektieren und
·  Weißen zu vermitteln, dass sie diese Grenzen respektieren sollen und warum ihre „Neugierde“ nicht neutral ist.

Unkritische Sprache

·     Sprache wird auf der Ebene der normativen Empfehlung reflektiert. Es fehlt das wirkliche Hinterfragen und die eigene Umsetzung von: Warum benennt wer wen (sich selbst / andere) und wann als was?

·     Wir lehnen die Verwendung des Begriffs „dunkelhäutig“ als Teil des Hautfarbenkonstrukts zur Markierung von Menschen innerhalb der rassistischen Sicht auf Menschen ab.

·     Wenn ein Schwarzes Kind sich selbst als “braun” bezeichnet, hat das einen qualitativ anderen Hintergrund als wenn ein weißer Erwachsener dieses Kind als “braun” bezeichnet. Hier stehen sich Selbstbezeichnung eines Kindes und rassistische Markierung gegenüber.

·     Schwarz ist eine politische Selbstbezeichnung und wird als solche groß geschrieben. Auf eurer Seite schreibt ihr ihn meistens klein und ab und an groß. Wir halten es für richtig durch die Großschreibung den Bezug zur Selbstbezeichnung deutlich zu machen

·     Weiße sollten das N-Wort nicht ausschreiben.

Leider nicht empfehlenswert

Als positiv erachten wir, dass Ihr Euch aktiv für Eure Kinder engagiert, ihr Rassismus-Erleben anerkennen wollt, Eure Erfahrungen mit anderen teilt und Euch darüber austauscht. Wir anerkennen die viele Zeit und Energie, die Ihr in die Weiterentwicklung dieses Projekts investiert habt. Die Qualität der Beiträge, so sie von Euch selbst stammen, reicht jedoch aus den oben genannten Gründen nicht aus, um auch aus unserer Sicht als empfehlenswertes “Portal für afro-deutsche Erziehung & Bildung” gelten zu können. Das finden wir sehr bedauerlich.

Mit freundlichen Grüßen

(Autorinnen:)
Berit Pohle, Gießen, weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes (8)
Gabby Thiede, Berlin, weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes (15)

(Unterzeichner_innen:)
-Ulla Gordon, Berlin, weiße Mutter zweier Schwarzer Töchter (12 & 14)
-Traute Graubner, Lübeck, weiße Mutter einer Schwarzen Tochter (34), einer weißen Tochter (44) und eines weißen Sohnes (46)
-Annette Kübler, Berlin, weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes (11) und einer Schwarzen Tochter (9)
-Lena-Iria Ofori, Berlin, weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes (9) und einer Schwarzen Tochter (3)
-Chris Schulz, Gießen, weißer Vater zweier Schwarzer Töchter (18 & 11) und eines Schwarzen Sohnes (12)
-Christiane Claussnitzer und Jackie Umeji, Eltern eines Kindes
-Marita Blessing, Delmenhorst, weiße Mutter zweier Schwarzer Söhne (18 & 4)
-Stephanie Peuker, Gießen, weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes (4)
-Sufian Weise, Berlin, Schwarzer Vater einer Schwarzen Tochter
-Ingrid Jacobsen, Kapstadt, weiße Mutter eines schwarzen Sohnes (9)
-Tanja Anders, Pohlheim, weiße Mutter einer Schwarzen Tochter (5)
-Nora Angwella, Daubringen, Schwarze Mutter von drei Söhnen (5 & 7 & 9) und einer Tochter (3)
– Julia und Björn Behrens, Gießen, weiße Eltern eines Schwarzen Sohnes (7), einer weißen Tochter (5) und eines weißen Sohnes (1)
-Lynne Polito, Gießen, Schwarze Mutter von zwei Töchter (18 & 11) und eines Sohnes (12)
-Veronika Michalke-Buck, Berlin, weiße Mutter zweier Schwarzer Töchter (15 & 6)
-Cloudine Gottwald, Gießen, weiße Mutter von zwei Schwarzen Söhnen (8 & 10)
-Jasmin Koppe, Gießen
-Tupoka Ogette, Schwarzer Mutter von zwei Schwarzen Söhnen (2 und 15)
-Maja Leseberg, Schwarzer Sohn (15 Monate)
-Sandrine Micossé-Aikins, Schwarze Mutter einer Schwarzen Tochter
-Katharina Militz, Mutter eines schwarzen Sohnes (3 Jahre)
-Ann-Sophie Weihe-Feijó, weiße Mutter von zwei Schwarzen Kindern
-Christina Beck, weiße Mutter eines Schwarzen Sohnes
-Ellen Thielmann, weiße Mutter einer Schwarzen Tochter
-Daniela Schad, weiße Mutter eines schwarzen Sohnes
-Cornelia Kühn, weiße Mutter eines schwarzen Sohnes (14) und einer schwarzen Tochter (8)
-Bettina Rudolf, weiße Mutter einer Schwarzen Tochter
-Klaudia K., Berlin, weiße Mutter von zwei Schwarzen Kinderng
-Claudia Holzendorff und Seynabou (10 Jahre)

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Wir weisen darauf hin, dass dieses Schreiben und Deine/Ihre Antwort darauf von uns zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung öffentlich geführt und eventuell veröffentlicht wird.

(weiter unterschreiben bitte hier: http://offenerbriefafroguide.wordpress.com/unterschreiben/)