PM: Tausende von Toten in Berlin?

Bund und Land sollen endlich Auskunft über die genaue Anzahl, die Herkunft und den Verbleib von menschlichen Gebeinen aus aller Welt geben und deren Rückgabe anbieten

28.1.2014. Die Mitgliedsorganisationen des internationalen NGO-Bündnisses „No Humboldt 21!“ fordern die Bundesregierung, den Berliner Senat und die Staatlichen Museen zu Berlin/Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SMB/SPK) nachdrücklich zu größerer Transparenz bzgl. außereuropäischer menschlicher Überreste und kultureller Objekte mit besonderer Bedeutung für die Herkunftsgesellschaften auf. Während der Zeit des europäischen Kolonialismus sind für rassistische Forschungszwecke Tausende von menschlichen Gebeinen und Hunderttausende von Kulturgütern aus allen Teilen der Welt nach Berlin verschifft worden. Bis heute werden sie hier ohne Wissen und Einwilligung der Nachfahren und Herkunftsgesellschaften wissenschaftlich untersucht.

Das überwiegend von migrantisch-diasporischen Selbstorganisationen gebildete Kampagnenbündnis fordert von den Berliner Museen und Sammlungen die Beachtung der UN-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker sowie die Einhaltung der Ethischen Richtlinien des Internationalen Museumsrates (ICOM). Darin werden ausdrücklich ein respektvoller Umgang mit den Vertretern der Herkunftsgesellschaften, größtmögliche Transparenz und museumsseitige Aktivitäten zur Klärung der Erwerbsumstände sowie zur Rückführung von menschlichen Überresten und kulturell besonders bedeutsamen Gegenständen verlangt.

Ungeachtet dessen machen die politisch Verantwortlichen derzeit widersprüchliche Angaben zum Verbleib der außereuropäischen menschlichen Überreste, deren Anzahl sie verschweigen. So ließ die Bundesregierung am 8.11.2013 auf eine Kleine Anfrage der Opposition hin verlauten: “Die ehemalige Charité-Sammlung menschlicher Gebeine wird zurzeit vom Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin bewahrt und verwaltet“. Nur einige wenige Gebeine, die auf ihre Rückgabe nach Namibia warten, wären in der Charité verblieben. (Drucksache 18/37)

Im kürzlich erschienenen Tagungsband „Sammeln, Erforschen, Zurückgeben?“ (Hg. Holger Stoecker, Thomas Schnalke, Andreas Winkelmann) heißt es zudem, dass im Depot der Staatlichen Museen in Berlin-Friedrichshagen auch die Rudolf-Virchow-Sammlung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte aufbewahrt und der Forschung zur Verfügung gestellt wird. Insgesamt würden damit, so heißt es in der Fachliteratur, die sterblichen Überreste von etwa 10.000 Menschen in den Einrichtungen der SMB/SPK gelagert werden. Heiko Wegmann verweist in seinem Beitrag darauf, dass in die Berliner Sammlungen auch zahlreiche menschliche Überreste aus der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ Eingang fanden (Expedition des Herzogs zu Mecklenburg, 1907-1908).

Im Widerspruch dazu wird in einer Antwortmail der SMB/SPK vom 16.1.2014 auf eine förmliche Anfrage tansanisch-deutscher Organisationen zwar der Besitz von 23.000 Kulturobjekten aus Ostafrika bestätigt, das Vorhandensein von menschlichen Überresten aus Tansania in den Einrichtungen der SMB/SPK jedoch bestritten. Die SMB/SPK würden, so heißt es generell, “keinen anthropologischen Bestandsaufbau“ besitzen. Zu außereuropäischen menschlichen Überresten, so die Stiftungsleitung, habe man grundsätzlich aber die Haltung, dass diese „Objekte“ „bis heute“ eine „unschätzbar wichtige Grundlage für die Erforschung dieser Kulturen und Lebensweisen und die Vermittlung der gewonnenen Erkenntnisse an eine internationale Öffentlichkeit“ darstellen würden.

„Statt glaubwürdig und aus eigener Bereitschaft den Willen zur Rückgabe zu signalisieren, stellen sich die politisch Verantwortlichen durch ihr unwürdiges Versteckspiel und ihr makabres Festhalten an menschlichen Gebeinen und Kulturschätzen in die Nachfolge kolonialrassistischer Sammler und Forscher wie Bastian, von Luschan, Virchow und Fischer“, sagt Christian Kopp von Berlin Postkolonial. Aliou Sangaré, Generalsekretär des Zentralrats der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland, betont: „Wir wollen endlich Klarheit haben über die genaue Anzahl und den Aufenthaltsort der nach Berlin transportierten Überreste unserer Vorfahren. Wir möchten wissen, wie Hunderttausende unserer Kulturschätze hierher gelangt sind. Und wir werden nicht ruhen, bis sie in ihre Heimat zurückgekehrt sind.“

Kontakt: Aliou Sangaré, Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland e.V., info(at)afrikarat-nord.de, 0511/9805977

Christian Kopp, Berlin Postkolonial e.V., buero(at)berlin-postkolonial.de, 01799 100 976

Mehr: www.no-humboldt21.de

Gedenkmarsch: 22.02.2014 um 11:30 Uhr am U-Bahnhof Mohrenstraße

 

Download