Rassismus ist kein Karnevalsspaß: Stellungnahme zum Blackface-Werbeplakat des Ba-Hu-Elferrats

Der “akademische Faschingsverein” “Ba Hu Elferrat” an der HTWK Leipzig bewarb vor wenigen Wochen eine Karnevalsveranstaltung mit „Blackface“-Plakaten und -Flyern, auf denen der Auftritt eines schwarz angemalten Weißen angekündigt war. Dazu veröffentlicht die AG postkolonial folgende kritische Stellungnahme:

Kolonialismus war nicht nur ein Unternehmen von Staatsmännern, und Kolonialismus hinterließ seine Spuren nicht nur „in Übersee“. Kolonialismus prägte auch Alltag und Kultur in Europa und Deutschland selbst auf wesentliche Weise. Leipzig war davon keineswegs ausgenommen: In Leipziger Buchhandlungen und Stadtbibliotheken wurden koloniale Romane von BürgerInnen wie ArbeiterInnen gleichermaßen nachgefragt; Kaffee, Kakao und Gewürze aus den Kolonien ließen LeipzigerInnen in Kolonialwarenläden und Caféhäuser einkehren – der Elefantenkopf an der Fassade des Riquet Café bezeugt diese Verbindung bis heute; und sogenannte Völkerschauen, in denen BewohnerInnen der Kolonien zur Schau gestellt wurden, waren um 1900 so erfolgreich und lukrativ, dass der Leipziger Zoo es sich leistete, für deren Darbietung eine eigene Bühne bauen zu lassen. Bis 1931 fanden dort etwa 40 solcher Darbietungen statt.

Dies sind nur einige der unzähligen Beispiele dafür, wie stark deutscher Alltag, deutsche Populärkultur und damit die deutsche Gesellschaft von Kolonialismus durchdrungen war. Diese Popkultur war keineswegs unschuldig: Sie war verknüpft mit dem kolonialen Projekt der wirtschaftlichen und politischen Ausbeutung. Kein Wunder also, dass die Ausstattung von Caféhäusern, der Plot von Kolonialromanen sowie Völkerschauen Bilder transportierten, die das koloniale Projekt stützten: Ein Elefantenkopf und in Holz geschlagene schwarze Diener, die eintretende Gäste begrüßen; Geschichten von undurchdringlicher, finsterer Wildnis, Menschenfressern und weißen Helden; Spektakel mit Tänzen und Trommeln – diese Bilder erfanden „den unzivilisierten Schwarzen“ und „den zivilisierten Weißen“. Sie lehrten die deutsche Gesellschaft, dass „der Schwarze“ verfügbar sei: als Arbeitskraft und als Objekt, das schamlos angeglotzt, angefasst und belacht werden dürfe.

Diese Lektion und diese Bilder haben bis heute überlebt: Konsumgüter-, Tourismus- und Showindustrie schöpfen aus ihnen, wenn sie mit „Mohren“ werben und in exotisierende Spektakel wie Afrika! Afrika! locken, Weiße erproben das Gelernte beim Griff in die Haare Schwarzer Menschen, und der studentische Faschingsverein BA-HU Elferrat der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) bewirbt eine Karnevalsfeier mit einem Plakat, das einen über das ganze Gesicht grinsenden „geschwärzten“ Weißen zeigt, ein Plakat, das Weißen verspricht, es würde eine grandiose Party, nämlich genauso flippig, ausgelassen und schamlos gefeiert wie vermeintlich bei Schwarzen: Einmal im Leben Schwarz sein, lustig und ungehemmt, auch als Weißer – wie abgefahren!

Das ist rassistisch. Es ist rassistisch, weil das Plakat auf Stereotype zurückgreift, die von Weißen geschaffen wurden, um Schwarze als einfältig herabzuwürdigen und auf diese Weise eine weiße Identität als rational und überlegen zu erfinden. Das Plakat ist rassistisch, weil es Schwarze entmenschlicht, nämlich aus ihnen Figuren macht, über die Weiße jederzeit verfügen können, um sich und andere Weiße zu bespaßen.

Rassismus ist kein Problem allein von Neonazis. Darauf weisen unzählige WissenschaftlerInnen und politische Initiativen hin – und das keineswegs mit erhobenem Zeigefinger gegen vermeintlich Falschdenkende, sondern aus der selbstkritischen Einsicht heraus, dass Rassismus die Gesellschaft, in der wir leben, durchdringt und damit alle in ihr lebenden Menschen, uns alle, prägt. Eine Einsicht, die nicht nur, aber in ganz besonderem Maße Weiße Menschen dazu einlädt, darüber nachzudenken, warum sie so vehement einfordern, sich auf Kosten von People of Color amüsieren zu dürfen und warum sie so vehement verweigern, in diesem ihrem Spaß von Personen gebremst zu werden, die sich durch diesen Spaß diskriminiert fühlen.

Wir Unterzeichnende arbeiten auf unterschiedliche Weise daran, das Nachwirken kolonialer Bilder insbesondere in Alltagsrassismus deutlich zu machen. Als Weiße und People of Color, als Deutsche und Nicht-Deutsche, die gemeinsam gegen Rassismus kämpfen,

• unterstützen wir den Protest gegen das „Blackface“-Plakat des BA-HU Elferrats,

• fordern wir den BA-HU Elferrat zu einer öffentlichen, selbstkritischen Distanzierung von diesem Plakat (z.B. auf seiner Homepage) auf.

Die Unterzeichner_innen:

• AG postkolonial im Engagierte Wissenschaft e.V., Leipzig

• AfricAvenir International e.V., Berlin

• AfrikanistikForum am Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig

• berlin postkolonial e.V.

• Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (FKR) im Engagierte Wissenschaft e.V., Leipzig

• frankfurt-postkolonial

• freiburg-postkolonial.de

• ISD-Bund e.V. (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland)

• Kolonialismus im Kasten?, Berlin/Leipzig

• KopfWelten – gegen Rassismus und Intoleranz e.V. / Köln Postkolonial

PS: Wir weisen darauf hin, dass diese Stellungnahme öffentlich erfolgt, und dass wir dieses Schreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation, Lehre und Aufklärung veröffentlichen werden.