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Kabarettistin İdil Baydar erhält Morddrohungen vor geplantem Auftritt in Frankfurt am Main.

„Möllner Rede im Exil“ am 17. November im Historischen Museum gedenkt der Opfer des rassistischen Brandanschlags von Mölln 1992.

Am 17. November findet im Historischen Museum in Frankfurt am Main die “Möllner Rede im Exil” statt, in Gedenken an Ayşe Yılmaz, Yeliz und Bahide Arslan, die am 23. November 1992 in Mölln bei einem rassistischen Brandanschlag ermordet wurden. Neben Familie Arslan – den Überlebenden des Brandanschlages von Mölln 1992 – hält İdil Baydar am 17. November die zentrale Rede der in Frankfurt stattfindenden Gedenkveranstaltung. Jetzt gab die Kabarettistin bekannt, erneut Morddrohungen erhalten zu haben, die einen direkten Bezug zu ihrem geplanten Auftritt bei der Möllner Rede im Historischen Museum herstellen. Die Drohungen kommen klar aus dem Bereich des Rechtsextremismus.

İdil Baydar selbst sieht diese Drohungen in einem Zusammenhang mit den Drohungen gegen Politiker*innen und anderen Personen der Öffentlichkeit, die in den vergangenen Tagen publik geworden sind. „Die rechtsextreme Szene ist stark bewaffnet und von den geistigen Brandstiftern gestärkt. Wer immer noch von Einzeltätern spricht, handelt komplett fahrlässig“, so Baydar.

Die Schauspielerin und Kabarettistin, bekannt als ‚Jilet Ayşe‘, spricht in ihrem Bühnenprogramm vor allem über Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Migration. Sie erhielt bereits zu Beginn des Jahres ähnliche Morddrohungen. Sie machte diese öffentlich und thematisierte zugleich ihr mangelndes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden. Auch jetzt hat sie nicht den Eindruck adäquat geschützt zu werden: „Ich habe kein Vertrauen mehr in die Behörden und glaube auch nicht an eine tatsächliche Aufklärung der Geschehnisse.“ Mit Bezug auf die Möllner Rede am kommenden Sonntag stellt Baydar jedoch klar: „Für mich ist klar, dass ich die Möllner Rede halten werde. Jetzt erst recht! Wir sind es den Opfern von rechtem Terror schuldig, jetzt nicht klein beizugeben.“

Die Veranstalter*innen sehen die Morddrohungen im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre: „Das gesellschaftliche Klima hat sich derart verschoben, dass die Rednerin eines Gedenkens an die Opfer von rechtsextremen Terror mit dem Tode bedroht wird und die Veranstaltung nur unter Polizeischutz stattfinden kann. Die Mehrheitsgesellschaft muss endlich aufwachen und sich deutlich gegen Rassismus und Antisemitismus positionieren. Die Frankfurter Zivilgesellschaft hat mit der Möllner Rede am 17. November die Gelegenheit ein Zeichen zu setzen und sich unmissverständlich und in großer Zahl an die Seite der Betroffenen von rechter Gewalt zu stellen“, so Alex Elser vom Frankfurter Vorbereitungskreis.

Seitdem die Drohungen bekannt sind, werden die Veranstalter*innen von der hessischenBeratungsstelle response begleitet, die in der Bildungsstätte Anne Frank angesiedelt ist. response unterstützt Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Für Olivia Sarma, Leiterin von response, sollen derartige rechtsextreme Drohungen nicht nur bei Baydar für Verunsicherung sorgen: „Rechte Gewalttaten oder auch deren Androhung richten sich nicht nur an die betroffene Person selbst. Sie sollen zudem als Botschaftstaten wirken, die klar darauf abzielen, auch andere einzuschüchtern, die sich öffentlich gegen rechts engagieren, oder von Rassismus bedroht sind.“

Ibrahim Arslan, welcher als damals 7-Jähriger den Brandanschlag in Mölln überlebte, kommentiert: „Uns kann niemand mehr mundtot machen. Bei der Möllner Rede im Exil sprechen wir als Hauptzeugen des Geschehenen. Dort ist ein Ort für die Wertschätzung unserer Geschichten, die wir jahrelang als Opfer und Betroffene von der Politik erwartet, doch nicht bekommen haben. Indem wir unsere Opferperspektive in den Vordergrund rücken, verändern wir diese Gesellschaft.“

Seit 2013 ist die Möllner Rede, bei der die Familie der Ermordeten die zentralen Redner*innen stets selbst bestimmt, nicht mehr Teil des offiziellen Gedenkens der Stadt Mölln. Stattdessen findet diese an wechselnden Schauplätzen ‚im Exil‘ statt. In diesem Jahr wird die Gedenkveranstaltung in Frankfurt am Main ausgetragen. Die Rede ist eine kritische Bestandsaufnahme zum gesellschaftlichen Rassismus, Neonazismus und Umgang mit Gedenken. Außerdem schafft sie für Betroffene rechter Gewalt einen Ort für ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und Forderungen und eröffnet Räume, in denen ihre Stimmen gehört werden

Dr. Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums Frankfurt, freut sich, dass die Möllner Rede imExil 2019 in seinem Haus stattfindet: „Wir präsentieren seit vielen Jahren Migrationsgeschichte in unserem Museum, seit 2017 als ein Querschnittsthema in fast allen unseren Ausstellungen. In 2020 werden wir die große Ausstellung „Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen“ aus dem Deutschen Hygienemuseum Dresden hier zeigen und durch eine Stadtlabor-Ausstellung ergänzen. Das Historische Museum hat die „Frankfurter Erklärung der Vielen“ unterzeichnet und bezieht Position gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen der Ausgrenzung.“

Die Möllner Rede im Exil wird organisiert vom Vorbereitungskreis „Möllner Rede im Exil inFrankfurt“ in enger Absprache mit Familie Arslan und dem Freundeskreis in Gedenken an die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992. Teil des Frankfurter Vorbereitungskreises sind u.a. das Bündnis Kein Schlussstrich Hessen und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Gefördert und unterstützt wird die Veranstaltung u.a. von der Stiftung Citoyen, der Amadeu Antonio Stiftung, den Asten der Goethe Universität und der Frankfurter University of Applied Sciences und dem Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW).

Pressekontakt zum Vorbereitungskreis am Montag:

Siraad Wiedenroth, 01773472117 – siraadwiedenroth@isd-bund.org

Pressekontakt zum Vorbereitungskreis am Dienstag:

Alex Elser, 015757474628