Offener Brief israelischer und jüdischer Kulturschaffender in Berlin

Offener Brief israelischer und jüdischer Kulturschaffender in Berlin

Wir, jüdische und israelische Kulturschaffende, Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen, die in Berlin leben oder hier aktiv sind, nehmen hiermit Stellung zu den beunruhigenden Äußerungen mehrerer Organisationen, Journalisten und Politiker, die das Recht auf freie Meinungsäußerung in Bezug auf den Israel-Palästina-Konflikt in Frage gestellt haben.

Viele von uns haben Israel verlassen, weil wir das zunehmend beängstigende Klima der Einschüchterung von Kritiker_innen der Besatzungspolitik und der zunehmenden Einschränkungen der Redefreiheit nicht mehr ertragen können oder wollen. Seit mehreren Jahren versucht die rechtsnationalistische Netanjahu-Regierung, progressive und palästinensische Stimmen zum Schweigen zu bringen. So wurden öffentliche Gelder für israelisch-palästinensische Kulturinstitutionen gestrichen, oppositionelle Künstler_innen seitens rassistischer Organisationen bedroht und kritische Stimmen in Universität und Medien wurden und werden unter extremen Druck gesetzt.

Wir haben immer gehofft und es in den vergangenen Jahren teilweise auch so erlebt, dass Berlin ein Ort ist, an dem Debatten möglich sind. Angesichts der bedrückenden Entwicklungen in Israel, sind wir entsetzt, nun auch in dieser Stadt zu erleben, dass kritische Äußerungen zu Israels Besatzungspolitik ähnlich unsachlich als “Israel-Hass” oder „antisemitisch“ gebrandmarkt werden. Noch befremdlicher ist es für uns, dass die Rufe nach politischer Zensur auch von Parteimitgliedern und Organisationen kommen, die sich keineswegs in der rechtsnationalistischen Ecke verorten, oder sich sogar als Linke bezeichnen.

Anlass für unseren Brief ist die aktuelle öffentliche Kampagne gegen das Ballhaus Naunynstraße und das von ihm mitgetragene palästinensische Kunstfestival “After the Last Sky”, in dem angeblich “anti-israelische Hetze” toleriert wurde. Einmal abgesehen von den Verleumdungen in diesem Zusammenhang, das Festival oder einzelne Beiträge seien gewaltverherrlichend gewesen, begründeten Medien und Politiker im Übrigen den Ruf nach einer Streichung öffentlicher Gelder mit kritischen Äußerungen jüdischer und palästinensischer Mitwirkender_innen über den Staat Israel im Rahmen des Festivals. Des Weiteren wurde die tatsächliche oder angebliche Unterstützung der BDS-Bewegung durch Kuratorinnen des Festivals skandalisiert.

Wir, die Unterzeichner_innen, sind durchaus unterschiedlicher Meinung darüber, ob Begriffe wie „Apartheid“, „Kolonialismus“ und „ethnische Säuberung“ in Bezug auf die Geschichte und Gegenwart des Staates Israel zutreffend oder nützlich sind; wir haben auch unterschiedliche Positionen zum palästinensischen Aufruf nach Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen den Staat Israel; wir stellen aber fest, dass die Diskussion über diese Begriffe und die Argumente der BDS-Bewegung, legitime Bestandteile einer öffentlichen Debatte über die politische Situation in Israel-Palästina sind. Eine politische Zensur gegen Einzelpersonen und Kulturinstitutionen, die einen Raum für Kritik an der israelischen Politik anbieten, lehnen wir grundsätzlich ab. Die Einschüchterungseffekte die solche Drohungen nach sich ziehen, halten wir für desaströs für die Diskussionskultur in einer freien Gesellschaft. Sie verhindern im Übrigen die notwendige Debatte über die Mitverantwortung der Bundesrepublik Deutschland für die Situation im Nahen-Osten, insbesondere für die seit fast 50 Jahren andauernde israelische Besatzung.

Als Juden und Israelis, die nicht umhin können, sich mit dem Themenkomplex Nahost zu beschäftigen und sich von den Entwicklungen in der Region stets betroffen fühlen, empfinden wir solche Rufe nach Einschränkung der Meinungsfreiheit als extrem bedrohlich und auch gegen unsere eigene künstlerische und akademische Freiheit gerichtet. Die leichtfertige Instrumentalisierung von Antisemitismus-Vorwürfen gegen linke Israelis, Palästinenser_innen und andere, sehen wir zudem als schwerwiegendes Hindernis bei der Bekämpfung von tatsächlichen antisemitischen Tendenzen, die angesichts des Rechtsrucks in Deutschland immer notwendiger wird.

Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass sich in politischen Äußerungen über Israel und Palästina, Antisemitismus oder anti-muslimischer Rassismus manifestieren können. Gerade deshalb betonen wir die Bedeutung einer Diskussion, die Menschenrechte und Gleichberechtigung in den Mittelpunkt stellt. Dabei sind uns die Grundrechte der Palästinenser_innen genauso wichtig, wie die der jüdisch-israelischen Bevölkerung. Das palästinensische Kunstfestival „After the Last Sky“, das von migrantischen und anti-rassistische Künstler_innen organisiert wurde, scheint uns genau diese Werte zu repräsentieren. Deshalb erklären wir unsere volle Solidarität mit dem Ballhaus Naunynstraße und mit den Kuratorinnen des Festivals.

Liste der Unterzeichner_innen

Tal Adler Künstler und Forscher, Alma Alloro Künstlerin, Udi Aloni Regisseur, Hila Amit Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, Yossi Bartal Aktivist und Autor, Andrea Bellu Künstlerin, Matei Bellu Wissenscahftler, Gabriel Ben Moshe Künstler, Yaara Benger Alaluf Wissenschaftlerin Vered Berman Studentin, Iddo Bet-Hallahmi Student, Hannah Black Autorin und Künstlerin, Micah Brashear Lehrer, Noam Brusilovsky Theaterregisseur, Zoya Cherkassky-Nnadi Künstlerin, Sidney Corbett Komponist, Dr. Irit Dekel Wissenschaftlerin, Tomer Dreyfuss Akademiker, Michael Evgi Erziehungswissenschaftler, Yemima Fink Grafikdesignerin, Sylvia Finzi Künstlerin, Erica Fischer Autorin und Übersetzerin, Amnon Friedman Künstler, Uri Ganani Musikwissenschaftler, Tomer Gardi Schriftsteller, Ori Ginat Aktivist, William Noah Glucroft Fotograf und Journalist, Gadi Goldberg Übersetzer, Olga Grjasnowa Schriftstellerin, Harri Grünberg Wissenschaftler, Yara Haskiel Video- Künstlerin, Iris Hefets Authorin und Psychotherapeutin, Yaar Hever Webentwickler,Na’aman Hirschfeld Historiker, Dr. Ofri Ilany Historiker und Journalist, Dani Isslar Musikwissenschaftler, Angelika Levi Filmmacherin, Ruth Luschnat Aktivistin, Michal Kaiser Livne Psychoanalytikerin, Liad Houssein Kantarovicz Performance Künstlerin, Gal Katz Philosoph, Yosi Lampel Herausgeber, Armin Langer Aktivist und Autor, Tamir Lederberg Künstler, Dikla Levinger Leiterin von Hashomer Haztair in Berlin, Adi Liraz Künstlerin, Kuratorin und Aktivistin, Sharon Mantel Künstlerin, Naomi Mark Menschenrechtlerin, Lianne Merkur Doktorandin, Dovrat Meron Performance Künstlerin, Inna Michaeli Sozialwissentschaftlerin, Yonatan Miller Aktivist, Etay Naor Aktivist, Einat Podjarny Aktivistin, Ruth Preser Wissenschaftlerin, Udi Raza Student, Prof. Dr. Fanny-Michaela Reisin ehem. Präsidentin der Internationalen Liga f. Menschenrechte, Ella Schechter Wissenschaftlerin, Miriam Schickler Kulturschaffende, Dr. Gal Schkolnick Wissenschaftlerin, Ilona Schwetschuk Studentin, Ruth Sergel Künstlerin, Iris Shahar Studentin, Mati Shemoelof Dichter und Schriftsteller, Gil Shohat Historiker, Hadas Tapouchi Künstlerin, Lola Tseytlin Ton-Engineer, Tanya Uri Künstlerin, Shira Wachsmann Künstlerin, Prof. Dr.Michael Weinman Wissenschaftler und Dozent, Uri Yacobi Keller DJ, Rotem Yaniv Veranstalter, Yehudit Yinhar Künstlerin, May Zeidani Yufanyi Soziologin und Aktivistin