Aktualisiert: 03.05.2013 | 11:00

 

Am Samstag, 20. April nahm einer unserer Vorstände an einem Podium des tazlabs 2013 teil. Einige Schwarze Personen, u.a. auch ISD Mitglieder, waren im Publikum. Auf dem Podium sollte es um Sprache, Satire und Antidiskriminierung gehen. Leider endete es im Eklat. Es wurde weder vor Ort, noch unmittelbar nach der Veranstaltung eine offizielle Kontaktaufnahme seitens der taz versucht. Stattdessen sind einseitige Artikel erschienen, die über die Geschehnisse hier (noch am 20. April veröffentlicht) und hier (am 22. April veröffentlicht) berichten. Wir veröffentlichen deshalb hier die Stellungnahme von Sharon Dodua Otoo und den Briefwechsel zwischen ihr und der taz Leitung.

Wir halten die bisherige Reaktion der taz für nicht ausreichend und respektlos. Angemessen wäre eine Bitte um Entschuldigung an die Teilnehmer_innen der Veranstaltung und eine öffentliche Stellungnahme seitens der taz Leitung.

ISD Vorstand

 

22. April 2013

Email an:

Ines Pohl (Chefredaktion): ipo@taz.de
Jan Feddersen (Organisation taz.lab): feddersen@taz.de
Kornelia Gellenbeck (Genossenschaft): konny@taz.de

von:

Sharon Dodua Otoo

 

Ich möchte wie folgt Stellung zu der Panel-Diskussion „Meine Damen und Herren, liebe N-Wörter und Innen“ nehmen, an der ich vorgestern teilgenommen habe.

Zunächst möchte ich mich für die Einladung bedanken. Trotzdem. Ich habe mich ernsthaft sehr gefreut auf die Möglichkeit, an einer Diskussion über anti-diskriminierende Sprache und Satire mit Leo Fischer und Mely Kiyak teilzunehmen. Mit entsprechender Moderation wäre das sicherlich ein sehr interessanter Austausch geworden.

Ich finde es wichtig und richtig, wenn eine etablierte Zeitung sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Wie ich lese hat die TAZ, wie viele andere deutsche Zeitungen auch, große finanzielle Schwierigkeiten. Die TAZ muss in die Zukunft schauen und dort gilt es endlich anzuerkennen, dass die Leserschaft nicht exklusiv weiß, männlich, hetero und christlich- geprägt ist. Das ist keine leichte Aufgabe. Das bedarf vieler Arbeit, Leute müssen sich mit dem Thema auseinander setzen, es müssen Koalitionen und Bündnisse gebaut werden. Ich habe mich auf die Diskussion gefreut, weil ich die leise Hoffnung hatte, dass die Veranstaltung so gemeint war.

Gestern habe ich leider schmerzhaft erfahren müssen, dass ich mich gewaltig geirrt habe. Im Nachhinein sehe ich, dass ich das bereits im Vorfeld hätte sehen müssen, denn:

1. _Es gab kein Honorar_. Ich finde es bedenklich, dass die TAZ kein Budget hatte, weder für das Podium noch für das Schreiben, das ich für die Publikation verfasst habe – doch aber Eintritt verlangte und das Buch verkaufte. 10,00 € sind nicht wenig Geld. Ich habe von meiner Ansprechperson verstanden, dass ich vielleicht eine Aufwandsentschädigung bekommen könnte, da ich keine Reise- oder Übernachtungskosten hatte. Ich habe deutlich gemacht, dass ich zwar bereit wäre, aus Solidarität mit der TAZ, ohne Honorar an der Diskussion teilzunehmen, dass ich aber Kinderbetreuungskosten haben würde und darum sehr gerne das Angebot annehmen würde. Bis heute* blieb eine Kontaktaufnahme seitens der TAZ-Organisation mit mir zu diesem Thema aus.

2. _Die Moderation war zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema überhaupt nicht geeignet._ Die Person, die diese Podiumsdiskussion hätte moderieren müssen, wäre zu einem echten Gespräch bereit gewesen. Die TAZ hätte dafür eine Person wählen müssen, die qualifiziert ist, zum Thema eine Podiumsdiskussion zu führen. Herr Yücel ist aber eben für seinen unsensiblen Umgang mit Sprache bekannt und scheint Freude daran zu haben, so provokativ wie möglich zu sein. Ist eine Strategie. Wie dem auch sei. Ich habe trotzdem gedacht, weil es mir auch im Telefongespräch so versichert worden ist, dass es darum gehen würde, dass wir einander gegenseitig mit Respekt behandeln würden. Ich ging davon aus, dass im Kontext eines Podiums – also eines Gespräches von Angesicht zu Angesicht – Herr Yücel sich eventuell etwas zurücknehmen würde. Auch weil er auf dem Podium nicht als irgendeine Einzelperson da saß, sondern weil er die TAZ repräsentierte.

3. _Es gab sehr wenig Recherche zu meiner Person._ Der Moderator hatte zur Vorbereitung des Podiums versucht, mich einmal noch telefonisch zu erreichen – dann wurde allerdings trotzdem ein Artikel geschrieben, in dem offensichtlich wurde, dass außer „Rampensau,“ „Mutter“ und „Entertainer“ ihm nicht besonders viel mehr zu mir einfiel. Schade. Ich glaube, ich bin nicht auf das Podium eingeladen worden wegen dieser Attribute (wenn überhaupt von Rampensau und Entertainer die Rede sein kann). Ärgerlich, weil es sicherlich zu den Aufgaben einer guten Moderation gehört, die Gäste auszuwählen, einzuladen und sich über sie zu informieren. Ein gut ausgewähltes Podium ist wesentlich, damit die Meinungen, die repräsentiert werden, ausgewogen sind. Es scheint mir, maßgeblich für die Einladung war schlichtweg, dass ich Schwarz bin. Das hat als Qualifikation offensichtlich gereicht, damit Herr Yücel eine Person auf dem Podium hat, über die er sich lustig machen könnte. Es fehlte offensichtlich im Orga-Team an gutem Management, um im Vorfeld zu verhindern, dass Herr Yücel mit so wenig Kompetenz und Vorarbeit gerade dieses Podium moderieren sollte.

Ich hatte aber Hoffnung.

Am Tag der Veranstaltung lief eingangs alles gut. Vermutlich, weil ich sehr positiv gestimmt war und es auf die leichte Schulter genommen habe, dass der Moderator den Titel meines Buches nicht aussprechen konnte, sich dann darüber lustig machte, und zum Inhalt des Buches aber kein Wort verlor. Auch den Namen der Organisation zu deren Vorstand ich gehöre, hat er nicht richtig nennen können. Dass er die anderen beiden Panelist_innen, Mely Kiyak und Leo Fischer gut kannte, war ersichtlich und deren Vorstellungen beim Publikum entsprechend respektvoller.

Als es dazu kam, die Zitate in gendergerechter Sprache vorzulesen, merkte ich allmählich, wie ernst es mit dem Thema gemeint war: nämlich gar nicht. Es ging Herrn Yücel einzig und allein darum, sich darüber lustig zu machen und ich saß als einzige Person auf dem Podium, die versuchte gendergerechte Sprache zu rechtfertigen. Herr Yücel hatte sich offensichtlich nicht mit dem Thema ernsthaft auseinander gesetzt, keine erklärende Einführung wurde geliefert. Irgendwann war klar, dass die Diskussion um das N-Wort der Höhepunkt sein sollte. Als einzige Schwarze Person auf dem Podium war meine Position keine leichte. Ich war gefordert, sachlich und ruhig mit Personen zu diskutieren, die sich ganz offensichtlich weiterhin das Recht nehmen wollten, mich zu diskreditieren und respektlos zu behandeln. Wie sonst soll ich mir das erklären? Gäste einzuladen und sie dann öffentlich zu beleidigen beziehungsweise beleidigen zu lassen: das kann nicht in Eurem Sinne sein.

Denjenigen, die behaupten, ich hätte das Podium verlassen, weil ich es nicht ausgehalten habe, dass das N-Wort benutzt worden war, möchte ich Folgendes sagen.

Das hätte ich machen sollen.

Die Absprache im Vorfeld mit Herrn Yücel war, dass ich damit rechnen soll, dass das Wort ausgesprochen wird, aber dass es nicht übermäßig passieren wird („nicht in jedem fünften Satz“). Dass ich mich offensichtlich nicht klar genug ausgedrückt habe, wurde mir nach der dritten Folie der Powerpoint Präsentation klar, auf der das N-Wort vorkam und es vom Moderator vorgelesen wurde. Ich bin aber trotzdem noch eine ganze Weile sitzen geblieben. Ich habe immer wieder versucht, ruhig, klar und deutlich zu machen, dass das Wort verletzend für viele Schwarze Menschen ist, und es bitte nicht ausgesprochen werden sollte.

(Das Bild übrigens, das jetzt im Netz kursiert, mit mir auf dem Podium und dem N-Wort ganz groß hinter uns eingeblendet, ist ein kaum zu überbietender Affront).

Ich habe die Entscheidung auch nicht in dem Moment getroffen, als mein Sohn vor lauter Verzweiflung ob der Wiederholung dieses traumatisierenden Wortes Herrn Yücel laut gesagt hatte, er sollte doch einfach „N-Wort“ sagen. Ich wollte mein Kind eigentlich nicht weiterhin dieser Gewalt aussetzen. Das wäre auch ein passender Moment gewesen. Ich wollte aber bis zum Schluss bleiben. Ich hoffte auf Verständnis seitens Yücel und Kiyak. Der Grund warum ich letztendlich mein Mikrofon hingelegt habe, aufgestanden bin und die Veranstaltung verlassen habe, war, dass Herr Yücel dann anfing, lauthals herumzubrüllen und das Publikum zu beschimpfen, unter anderem hat er meinen Sohn direkt angeschrien. Ich wiederhole bewusst nicht, was er gesagt hat. Es sei einfach gesagt, dass es ein unwürdiger Auftritt für einen Moderator war, und in dem Moment hatte er meinen Respekt komplett verloren. Ich wunderte mich eigentlich, dass die anderen zwei Panelist_innen nicht gleich mit aufgestanden sind, denn für mich hieß klar, diejenigen, die bleiben, unterstützen das Geschehen. Ich wollte nicht mehr Teil einer so respektlosen, verhöhnenden Diskussion sein. Nicht nur mir gegenüber. Nicht nur meiner (Wahl-)Familie gegenüber. Sondern auch allen anderen gegenüber, mit denen ich versucht habe, mich solidarisch auszusprechen. Teile auch der Leserschaft der TAZ. Das war eine einzige Verarschung! Ich habe mehr von der tazlab-Organisation erwartet. Ich bin schwer enttäuscht.

Es gab vereinzelt Reaktionen von Mitarbeiter_innen der TAZ. Das hat mich gefreut. Aber es ersetzt nicht eine offizielle Ansprache und / oder Entschuldigungsersuchen seitens der Organisation. Stattdessen gingen die Beleidigungen munter weiter:

– Ein Artikel erschien noch am selben Abend, in dem die Ausfälle Yücels sehr verharmlost werden.

– Ein Bild von mir wird auf der Webseite veröffentlicht, versehen mit dem Namen der einzigen anderen Schwarzen Frau die ebenfalls auf ein Podium des Kongresses eingeladen war (und umgekehrt).

– Auf seinem Twitter-Account äußert sich Yücel abfällig zum Vorfall, zu meiner Person, zu den Leuten mit denen ich aktivistisch arbeite.

Ich wünsche mir, von Ihnen zu hören. Ich wünsche mir eine detaillierte Stellungnahme zu den Ereignissen und vor allem eine Erklärung dazu, wie sie es künftig besser machen wollen. Wo wir uns auf jeden Fall einig sind: so kann es nicht weitergehen.

 

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von mir öffentlich geführt wird, und ich dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen werde

Mit freundlichen Grüßen

Sharon Dodua Otoo

 

*Am 28.04.13 hat die taz mir Geld für Kinderbetreuung angeboten.

 

22. April 2013

liebe frau otoo,

ich kann ihren ärger, ihren verdruss von herzen verstehen. ich bitte sie zugleich mein wort ernst zu nehmen: deniz yücel gehört – in der taz ohnehin – in der deutschen publizistik für einen der entschiedensten und wahrhaftigsten streiter gegen jede art von rassismus. haben sie ihm eigentlich auch geschrieben? das würde mich freuen, denn das gespräch zwischen ihnen sollte auf keinen fall abbrechen. mehr noch: nicht über ihn ohne ihn geführt werden,

sehr herzlich, jan feddersen

(Jan Feddersen ist ein Journalist und Redakteur bei der Berliner Tageszeitung taz)

 

23. April 2013

sehr geehrte sharon otoo
ich würde mich sehr gerne persönlich mit ihnen über das taz.lab und die sich darauf beziehende kolumne von deniz yücel persönlich unterhalten und ihnen die möglichkeit geben, in der taz stellung zu beziehen.
leider erreiche ich sie nicht über die mobilnummer, die ich von ihnen habe. deshalb der versuch der kontaktaufnahme auf diesem wege.
mit besten grüßen
Ines Pohl
taz Chefredakteurin

 

 24.April 2013

Sehr geehrte Frau Pohl,

vielen Dank für Ihre Mail.
Gerne können wir uns zu einem persönlichen Gespräch treffen. Als wichtige Grundlage für dieses Gespräch wäre eine veröffentlichte Stellungnahme der taz Redaktion nötig. Mir ist es wichtig klarzustellen, dass es nicht um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen Deniz und Sharon geht. Es geht um die Haltung der taz zum Thema Diskriminierung, Rassismus, Macht sowohl in der Sprache im allgemeinen als auch wenn es in der taz Redaktion praktiziert wird.
Mit freundlichen Grüßen
Sharon Otoo

 

 

24. April 2013

sehr geehrte frau otoo,
danke fuer ihre antwort.
das angebot, selbst einen artikel zu schreiben, moechten sie nicht anbehmen?

Beste Grüsse
Ines Pohl

 

 

24. April 2013

Sehr geehrte Frau Pohl,

Mit Verlaub, das Angebot kommt reichlich spät. Ich lehne dankend ab.

Mit freundlichen Grüßen
Sharon Otoo

 

 

25.April 2013

Die Stellungnahme der taz Chefredaktion.

 

 

28.04.2013

Sehr geehrte Frau Pohl

Im Gespräch mit Ihrem Kollegen Daniel Bax habe ich mich doch entschieden, einen Artikel zu schreiben, denn es sind einige Unwahrheiten und falsche Behauptungen im Umlauf, die nicht so stehen bleiben sollen.  Im Anhang sende ich Ihnen diesen Artikel.
Mit freundlichen Grüßen

Sharon Otoo

 

02.05.13

Die ISD veröffentlicht eine eigene Stellungnahme